Der Morgen war kühl und nebelig, wie immer hier im Norden um diese Jahreszeit. Die ersten Lichtstrahlen erschienen am Horizont, davor die Wogen des eisigen Meeres, die sich träge bewegten, als wären sie mit Öl begossen.

Zwei Männer liefen, leicht fröstelnd, durch den kühlen Nebel, eingehüllt in dicke Schafswollpullover. Sie waren die einzigen Fischer dieser kargen Ortschaft. Sie hatten die große Wirtschaftskrise überstanden. Nun, es war ruhig geworden am Kai, so früh am Morgen.

Die Männer gingen auf ihre Boote, die friedlich im Hafen geankert lagen. Der kleinere der Männer, Gustav, hatte sein Boot von seinem Vater geerbt, es war ein kleines, bescheidenes Holzboot, dessen Anstrich vom Rumpf abblätterte, dessen Motor Öl am Kurbelgehäuse verlor, und Gustav konnte an diesem Morgen nur hoffen, daß die alte Sigyn ihn noch einmal heil nach Hause bringen würde.

Hakan, der größere der beiden, war gerade dabei in seinem ultramodernen High-Tech-Boot, Marke Sea Wind Super 568, sein Echolot neu einzustellen, als Gustav mit stotterndem und rauchendem Motor aus dem Hafen fuhr. Hakan lächelte spöttisch, schüttelte leicht den Kopf und dachte sich, wie kann dieser Mann nur so dumm sein und mit diesem alten, schäbigen Kahn noch auf See fahren. Er hatte es besser gemacht, er hatte mit der Ölgesellschaft verhandelt.

Natürlich wußte er, daß es nicht ganz richtig war, diese Fässer ins Meer zu werfen. Aber dafür hatte er jetzt seine Freja, das schönste Boot an der ganzen Küste. Sein Vater hätte ihn jetzt sehen sollen, ja er war richtig groß geworden.

Fahr du nur voraus, Gustav, meinte Hakan, ich hole dich mit meiner schönen Freja eh´ in einer halben Stunde ein. Dann werde ich dir zeigen, wie man Fische fängt.

Der Tag verlief wie gewöhnlich, Hakan fischte die fischreichen, seichten Gewässer vor der Küste mit seinem Schleppnetz ab, während Gustav mühevoll im tiefen Wasser herumdümpeln mußte und mit seinem alten Netz kaum etwas fangen konnte, da das Wetter kalt war und die Schwärme sich näher an der Küste aufhielten.

Es ist zum verzweifeln, dachte Gustav und warf einen neidischen Blick zu Hakan herüber. Warum hat mir Vater das mit den Fässern verboten, fragte er sich. Dann hätte ich jetzt auch so ein Boot, ja dann wäre ich der glücklichste Mensch der Welt!

Gegen Abend zog ein frischer Wind auf, die See wurde rauher. Beide Männer waren starke Winde gewohnt. Sie waren schon als kleine Kinder in diesen Gewässern gefahren, und eine kleine Brise konnte die rauhen Fischer nicht aus der Ruhe bringen.

Auf den Wellen begannen sich die ersten Schaumkronen zu bilden, der Wind wurde stärker. Gustav wurde unruhig, denn der Wind kam aus Norden, und Schaumkronen bei Nordwind waren ein sicheres Zeichen für Sturm.

Mühevoll zog Gustav sein altes Netz ein und sicherte die losen Gegenstände auf Deck. Wir sind zu weit draußen, um in den Hafen einzukehren, dachte er und wünschte sich, doch wenigstens ein Funkgerät an Bord zu haben.

Auch Hakan bemerkte die sich vergrößernden Wellen, doch in seinem gepolstertem Kapitänssitz machten sie ihm wenig aus. Es kann jetzt keinen Sturm geben, dachte er, der Wetterdienst hat doch ruhiges Wetter vorausgesagt. Er setzte sich an seinen Computerbildschirm, der ihn direkt mit dem Wetterdienst und der Küstenwache verband. Er wollte ganz sicher sein.

Bewölkt, Wind Nord-Nord-Ost 7-10 m/s, stand auf dem Bildschirm in grün leuchtenden Buchstaben. Also kann es nichts ernstes sein, murmelte Hakan und schaute hinaus auf das tosende Meer. Er hatte ein ungutes Gefühl im Bauch, die Technik mußte doch zuverlässig sein!

Plötzlich wurde es dunkel. Schwarze Wolkenmassen rasten am Himmel dahin. Der Sturm war da, und es war ein mächtiger.

Gustav konnte nichts mehr tun. Er versuchte, sein Boot auf Kurs zu halten, aber seine Kräfte versagten. Steuerlos trieb die Sigyn auf den haushohen Wellen dahin. Gustav konnte nur noch das Beste hoffen, oder das Schlimmste erwarten.

Hakan war verblüfft, er verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte der Wetterdienst sich irren? Und warum zum Teufel konnte er sein Netz nicht einziehen? Er drückte mehrmals auf den Knopf der automatischen Einholanlage, doch seine Versuche blieben ohne Wirkung. Na ja, dachte er, das Boot ist nagelneu und wird den Sturm überstehen, das hatte der Verkäufer ihm versichert. Ja, das Boot war sturmfest.

Hakans Schleppnetz verfing sich an einem kantigen Felsen zirka zwanzig Meter unter der Meeresoberfläche. Die automatische Steueranlage hatte Hakan vom Kurs abkommen lassen, nicht viel, aber im flachen Wasser hatte es genügt, um das Netz gegen den Felsen zu treiben.

Das Netz saß fest. Die Freja drehte sich manövrierunfähig in den Wind und schlug mit voller Wucht gegen die Teufelsklippe, einen Felsen, der bei allen Seefahrern seit Jahrhunderten gefürchtet war. Wasser brach ein. Die einst so stolze Freja neigte sich zur Seite, zitterte ein wenig, schien sich noch einmal aufzurichten, bevor sie mit einem gurgelnden Geräusch in der Tiefe versank.

Die Nacht war eine schlimme Sturmnacht, an der gesamten Küste gab es starke Sturmfluten, die außerordentlich heftige Schäden verursachten.

Gustav wachte auf, er lag in der Kajüte der Sigyn. Das Boot war schwer angeschlagen, es lag schief im Wasser wie der Turm von Pisa, aber es schwamm immerhin noch auf den Wellen dahin. Gustav rappelte sich langsam auf, ließ den Motor an, und nahm Kurs auf seinen Heimathafen. Hoffentlich komme ich noch lebend nach Hause, dachte er. Als er am Heimatkai anlegte, hörte er, was mit Hakan geschehen war. Er ging zu seiner alten Sigyn, umarmte das Boot, küsste es mehrmals und murmelte ein Dankeschön an die alte Dame. Oh, danke Vater, danke Sigyn, danke Gott, rief er überglücklich, und die Leute im Hafen applaudierten ihm heftig, nicht zuletzt, weil er alle zu einer Runde in der Hafenkneipe einlud.

Der Fischer Gustav Bergman, einziger Fischer im Dorf Valleby, Besitzer der stolzen Sigyn, starb zwei Wochen nach dem Sturm an den Folgen einer schleichenden Quecksilbervergiftung. Den Ärzten zufolge hatte er das Gift über mehrere Jahre mit seiner Nahrung aufgenommen.

Die Morgen sind immer noch kühl und nebelig hier, im hohen Norden, so wie immer um diese Jahreszeit, aber früh am Morgen ist der Hafen….

…leer.

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