Zu Barack Obamas Kairo-Rede

Lange wurde sie erwartet – gestern hat er sie gehalten, die große „Versöhnungs-Rede“ Barack Obamas an die muslimische Welt.

Diese Rede ist in meinen Augen alles andere als problemlos: Sie grenzt in Teilen an Anbiederung an die Araber, wobei ein Grossteil dessen wohl der im arabischen Kulturkreis bevorzugten „blumigen“ Sprache zuzuschreiben ist.

Dennoch: Barack Obama ist inkonsequent im Umgang mit Menschenrechtsverletzern und Diktaturen a la Saudi-Arabien – und er handelt sich große Probleme mit der Frauenbewegung ein, indem er den muslimischen Schleier mehrfach verteidigt hat.

Davon abgesehen waren in der Rede wohl ein paar faktische Fehler – al-Andalus wurde in die falsche Zeit verlegt und der Koran fragwürdig zitiert. Das ist für Obama nicht weiter verwunderlich – in seinem Denken ist er sehr Amerika-fixiert. Das jedenfalls ergibt sich aus seinen eigenen Büchern.

Sehr glaubwürdig hingegen sind seine Schilderungen aus der eigenen Kindheit – und dem Umgang mit einem moderaten Islam. Genau dieses Selbsterlebte macht ihn anders als alle anderen Amerikaner. Daran, und an den großen Traum vom freien Land für alle Menschen, sollte er sich halten. Damit kann er Herzen bewegen und die Menschen für sich gewinnen.

Obamas Rede war technisch mehr eine Vorlesung als eine politische Rede. Mich hat sie weniger überzeugt als seine inländischen Reden. Das Globale ist (noch) nicht sein Hauptfach.

Barack Obama scheint der Umgang mit dem Bösen in der Welt sehr zu Herzen zu gehen – hat der „große Vermittler“ innerlich etwa doch Zweifel? Hat er Informationen, die wir nicht haben? Er wirkte besorgt.

Amerikaner machen sich oft die Welt ein wenig zu einfach – Barack Obama ist eine löbliche Ausnahme. Er scheint echt interessiert. Dennoch scheint die Komplexität der Welt auch für ihn überraschend zu sein. Ich bin gespannt, wie er auf direkte Angriffe seitens derer, die eben keinen Frieden wollen (und von denen gibt es ja einige auf dieser Welt) reagieren wird.

Es gab ein paar hoffnungsvolle Anmerkungen in der Rede – auch in Form von Kritik an totalitären Regimes. Er nannte zwar keine Namen, aber die Betroffenen werden die Botschaft schon verstehen.

Ich sehe die Welt am Rand einer wirklich großen Krise – failed states wie Afghanistan, Somalia, Pakistan und Nord-Korea werden nicht durch Sonntagsreden an Universitäten zu Demokratien. Sie werden ihre Atomwaffen nicht aufgeben und weiter die Konfrontation anstacheln. Diktaturen sperren weiter Menschen ein. Fundamentalisten morden weiter. Und in so manchem islamischen Staat wird weiter gesteinigt und geköpft.

Was mir an der Rede gefallen hat, war der Versuch, die drei monotheistischen Religionen ihrer gemeinsamen Wurzeln bewusst zu machen. Echten Frieden kann es nur im Verständnis der Gemeinsamkeiten, dem Ur-Menschlichen geben. Aus Sicht eines eher säkularen Europäers war allerdings etwas viel Gott in der Rede und zu wenig praktische Vernunft.

Mir fehlt in Obamas Politik bislang ein klares Bekenntnis zur Trennung von Kirche und Staat. Das, übrigens, wiederum war und ist erst die Grundlage für die Bildung des Menschenrechts zur freien Religionsausübung! Erst die Befreiung von der Kirchengewalt hat die Religionsfreiheit ermöglicht. Der Staat und das abstrakte, von Menschen gemachte Gesetz stehen über der Religion. Diese, für die westliche Aufklärung fundamentale und gerade für die muslimische Welt wichtige Aussage fehlte in Obamas Rede.

Diese Rede wird Obama in den USA noch große Schwierigkeiten seitens der Konservativen machen. Er hat sich klar positioniert und macht sich innenpolitisch angreifbar. Das kann mutig sein. Aber auch leichtsinnig. So viel ich es ihm auch wünsche – vielleicht ist die Zeit einfach noch nicht wirklich reif für den globalen „Change“.

Vieles in der Kairoer Rede war richtig und notwendig. Bush’s „hau-drauf“ – Sprache (der relativ wenige sinnvolle Taten folgten) musste weg. Die Moderaten in der islamischen Welt werden sich wieder den USA annähern können, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Somit besteht die Möglichkeit zu echtem Fortschritt. Dasselbe gilt für die klaren Worte in Sachen Palästina.

Ob sich in der sich radikalisierenden islamischen Welt die Moderaten jedoch durchsetzen können, steht in der Sternen. Ich bin da eher skeptisch.

Dennoch: Mit Barack Obama hat die Welt eine einmalige Chance: An der Spitze der einzig verbliebenen Supermacht steht ein Mann, der wirklich Brücken bauen will. Die Welt täte gut daran, das Angebot auch anzunehmen.

Embedded video from CNN Video

http://edition.cnn.com/video/#/video/politics/2009/06/04/obama.egypt.entire.speech.cnn

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