Ich hatte früher immer wieder ein Erlebnis, welches einen Traum verwirklichte. Ich lebte damals in Finnland, im tiefsten Hinterland, zirka 400 km von Helsinki in Richtung Nord-Westen. Ich wohnte in einem Kaff mit 10.000 Einwohnern und die nächste „Stadt“ war hundert Kilometer weit entfernt. Jeden Sommer fuhren wir, das heißt mein jüngerer Bruder und ich, nach Deutschland in die Ferien. Sehnsüchtig erwarteten wir immer und immer wieder den Anfang der Schulferien um endlich nach Hause zu kommen.

Als ich endlich achtzehn war, fuhren wir natürlich mit dem Auto in den Urlaub. Es war ein alter, klappriger Toyota, den ich müsam auf Raten abstotterte. (In Finnland waren damals 150% KFZ-Steuer auf den Wagenpreis fällig…) Aber er fuhr. Und so fuhren wir an die Ostsee-Küste, durch Schweden und Dänemark, beides fast schon „europäische“ Länder, reich, mit durchgehend asphaltierten Straßen und größeren Autos.

Für uns Jungs waren Autos schon immer der Maßstab alles Wichtigen gewesen – an den Autos konnte man die Lage der Nation erkennen, das politische System eines Staates, die Lebenseinstellung seiner Menschen und vielerlei über den Charakter seiner Bevölkerung. Als Kinder zählten wir die Marken und Nationen, hielten Ausschau nach besonderen Wagen. Es war schon etwas Besonderes, eine S-Klasse von Mercedes zu sehen, oder einen 3.0CSi von BMW. Oder gar einen Porsche Carrera!

Es gab nur ein Land in ganz Europa (und wir hatten das Glück, als Kinder viel gereist zu sein) welches unseren Traum von Wohlstand und Freiheit erfüllte. Ich erinnere mich genau an das Gefühl, mitten in der Nacht in Puttgarden aus der Fähre zu fahren. Ich erinnere mich genau an das weit in die Nacht leuchtende blaue Licht der Aral-Tankstelle. Und ich erinnere mich genau an den Geruch – der unbeschreiblich süße, liebliche Geruch Deutschlands, der Geruch unserer Heimat. Ich erinnere mich daran, wie schwer die Luft hier war, wie hoch die Wolken und wie sanft der Wind. Ich erinnere mich daran, gedacht zu haben, wie sauber und ordentlich dieses Land war. Wie gerade seine Strommasten, wie gut ausgebaut seine Straßen. Ich erinnere mich an die Modernität der Radiosendungen, an die fröhliche, laute Art der Moderatoren. So etwas gab es in Finnland 1987 nicht.

Ich erinnere mich, natürlich, an die Autobahn. Wir hatten diesen Traum, den Traum von Freiheit. Wir hatten den Traum von Größe. Und wir hatten den Traum von Kraft, von Geschwindigkeit. In der bundesrepublikanischen Autobahn fanden wir unseren Traum verwirklicht. Mehr noch: Es funktionierte! Das Zusammenleben, besser vielleicht, zusammen Fahren, dieses Volkes funktionierte tatsächlich! Es gab eine klare Ordnung – langsame rechts, schnellere links. Fertig. Jeder hielt sich daran und der Verkehr floss. Mehr noch: Man zeigte Respekt, Respekt gegenüber dem Größeren, dem Schnelleren, dem länger Reisenden. Ich erinnere mich an die Gulaschsuppe für achtzig Pfennig. Und an den billigen Sprit.

Ich weiß nicht, ob wir Deutschen uns im Klaren sind, welchen Traum wir verloren haben. Bemühen wir erneut die Metapher Autobahn (und bitte verstehen Sie den Absatz oben als solche!): Anstelle des Respekts ist Neid getreten. An die Stelle von Ordnung das Chaos. Und an die Stelle des fließenden Verkehrs Stillstand und Stau. Notorisches Linksfahren ist das eindeutige Zeichen der Egomanie – egal wie klein, nichtssagend und durchschnittlich ich auch sein mag – ich will auch auf der Spur der größeren, schöneren, schnelleren fahren. Und weil ich mit diesen nicht mithalten kann, werde ich bedrängt und bremse „die Oberen“ eben aus. Das ist das Denkschema der heutigen Zeit.

Mit der Wiedervereinigung und der Öffnung Europas haben wir territorial viel gewonnen – mental aber genauso viel verloren. In Zeiten der Bedrohung aus dem Osten haben wir mehr Stolz auf die Republik gezeigt als in Zeiten relativer Freiheit. Was ist eigentlich aus unseren Idealen geworden? Wonach streben wir denn heute? Immer kleiner, gleicher, nichtssagender?

Ich erinnere mich daran, dass in Deutschland der Lebensstandard ein Drittel höher war als in Finnland. Heute haben die Finnen uns lang überholt und wir sind bestenfalls Mittelmaß. Ich erinnere mich daran, mit Stolz von den technischen Errungenschaften erzählt zu haben, neuen Zügen und Kraftwerken. Heute hecheln wir technologisch anderen hinterher. Die Finnen sind mit Nokia reich geworden. Und wir Deutschen haben dafür bezahlt.

Wir haben so hart für unsere Freiheitsrechte gekämpft, eben für den „deutschen Traum“ der Nachkriegszeit. Und nun geben wir in schleichender Selbstzerstörung unsere Rechte einer Sozial-Utopie-Demokratie hin. Das kann nicht sein! Wo bleibt der Widerstand wie zu Zeiten der Volkszählung? Wo bleibt der Aufschrei der Online-Durchsuchten?

Ich stritt mich damals mit einem guten finnischen Freund darüber, ob es richtig sei, dass in Wackersdorf der Mob rebellierte oder dass in West-Berlin an jedem ersten Mai die Fetzen flogen. „Natürlich nicht“, sagte ich ihm, „aber eine Demokratie muss auch das, und gerade das, aushalten können, ohne dass, wie eben in Finnland, der Staat mit militärischer Macht auftritt.

Finnland war in den 1980er Jahren keineswegs die westliche Demokratie als die es sich gerne heutzutage darstellt – es war vielmehr ein halbsozialistischer Polizeistaat, in dem jeder dort lebenden Ausländerfamilie ein Beamter der Staats-Schutz-Polizei abgestellt wurde. Ja, woanders hieß das ähnlich und ähnlich waren auch die Methoden.

Aber zurück zu meinem Traum: Der Traum des freien, großen, starken Landes in der Mitte Europas. Der Traum von Heimat. Der Traum von Respekt, Ehre und Stolz. Der Traum von freien Bürgern im freien Land – mit freiem Markt und freiem Leben. Dem Traum ohne polizeiliche Überpräsenz, ohne das Gefühl, ständig verfolgt zu werden und verdächtig zu sein.

Wir müssen wieder Kämpfen für diesen Traum. Wir dürfen es nicht zulassen, das die Hirngespinste aus dem Osten, hießen sie nun Linke oder irgendwie anders, unseren Traum, den „deutschen Traum“ von der freien Republik zerstören.

Wir brauchen eine Diskussion um die Werte, die diese Gesellschaft ausmachen. Und wir brauchen dringend eine Renaissance gesellschaftlichen Anstands. Wir brauchen eine Null-Toleranz-Linie wie in New York. Es kann nicht sein, dass das Stuttgarter Straßenbild von Jugendgangs, Ausländergruppen und alkoholisierten Hartz4-Empfängern geprägt wird. Wir brauchen mehr gefühlte und gelebte Sicherheit. Dafür ist der Staat da! Und nicht, um immer mehr sinnlose Steuergesetze zu erlassen oder seine Bürger zu überwachen. Die Kehrseite der Freiheit ist eben nicht die Gleichgültigkeit. Es ist die Verantwortung.

Der Staat hat meine Briefe nicht zu öffnen! Er hat weder meine Mails zu lesen, noch zu wissen, wen ich wann Anrufe! Es geht den Staat nichts an, wo ich wann surfe und was ich im Netz lese! Aber es geht den Staat sehr wohl etwas an, wenn in der S-Bahn randaliert wird, mein Auto zerkratzt oder mein Notebook gestohlen.

Wir dürfen unseren Traum weder der Gier, noch dem Egoismus opfern. Wir müssen wieder Mehr Bescheidenheit lernen. Wir dürfen nicht zulassen, das notorische Langsamdenker alles blockieren, nur um dem Fraktionszwang zu genügen. Wir brauchen eine Politik des „common sense“, des gesunden Menschenverstandes. Eine gesunde Rückbesinnung auf die Tugenden der Bonner Republik täten uns gut – Freiheit, Tempo, Aufbau, Kraft, Widerstand gegen das Feindbild. Wir müssen uns wieder klarer nach Westen positionieren und klarstellen für was und welche Werte das moderne Deutschland eigentlich stehen will.

Ich will, dass eines Tages meine Tochter aus dem Ausland zurückkommt und mir ihren Traum berichtet. Und dass dieser Traum hier, in unserem gemeinsamen Deutschland, verwirklicht ist.

(Mehr zum Thema demnächst wieder unter besserland.de)

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