Hornhautraspeln

Sitze auf meinem Balkon. Die Sonne scheint.
Ich rasple Hornhaut von meinen Füßen.
Vom vielen Wandern gewachsen.

So, wie ich die dicke, stinkende Hornhaut
von meinen Füßen rasple,
und das ist schmerzhaft und blutet zuweilen,

entferne ich auch die Verkrustungen
meiner schmerzenden Seele.
Trage ab, Schicht für Schicht.

Jetzt erst bemerke ich,
wie anstrengend, einengend und schmerzhaft,
verletzend uns sinnlos mein altes Leben war.

So, wie die Raspel meine Hornhaut schält,
wie die Sonne meine Ausschläge auf meiner Haut heilt,

so heilst Du mich.

Mit Deiner Liebe.

Ich danke Dir.

….

Interpretation

Um mal am Beispiel zu zeigen, wie der Autor so ein Gedicht schreibt) So ist es mit jedem Gedicht. Deshalb nennt sich das ja Dichtung, von ver-dichten. Ich nenne es Komprimierung der Realität.
Na hoffentlich wird das niemals Aufsatzthema, denn hier steht die Lösung 🙂

Szenerie: Ein Mann, Mitte 50 sitzt auf seinem Balkon in der Sonne. Daran Ende April nichts Ungewöhnliches. Aber er tut etwas Ungewöhnliches. Er pflegt seine Füße (Referenz zur Bibel, Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Heute macht der Papst das immer noch.)

Dann fängt er an, über seine Situation nachzudenken. Und ich als Autor klinke mich in seine Gedanken ein, und schreibe sie auf. Der Mann, der da sitzt, bin nicht ich. Das ist mein Lyrisches Ich (Definition, sehe https://wortwuchs.net/lyrisches-ich/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Lyrisches_Ich)

Der Ausdruck lyrisches Ich (manchmal auch: generisches Ich) bezeichnet in einer Traditionslinie der Literaturwissenschaft den fiktiven Sprecher oder die Stimme eines Gedichts oder Liedes (Lyrik).

https://de.wikipedia.org/wiki/Lyrisches_Ich

Gehen wir also in den Aufbau des Gedichts. Erst wird die Szenerie beschrieben. Form ist die Gegenwart, das heißt ich schreiben einen Bewußtseinsstrom. (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstseinsstrom)

Bewusstseinsstrom (englisch stream of consciousness) bezeichnet die ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. In der Literaturwissenschaft ist damit eine Erzähltechnik gemeint, die die scheinbar ungeordnete Folge der Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstseinsstrom

Also, dann inhaltlich, Zeile für Zeile, Wort für Wort (Beschreibung in kursiv):

Sitze auf meinem Balkon. Die Sonne scheint. | Ist klar.

Ich rasple Hornhaut von meinen Füßen. | Ist auch klar.

Vom vielen Wandern gewachsen. | Warum er das macht. Er ist viel gewandert. Und seine Füße schmerzen. Warum ist er so viel gewandert? Gewandert ist hier in doppeltem Sinne zu verstehen; einmal Wandern als körperliche Aktivität, zum anderen als Wandern durch sein Leben. Und beides hat Spuren hinterlassen. Das Wandern im Wald an den Füßen und das Wandern durch sein Leben in seiner Seele.

So, wie ich die dicke, stinkende Hornhaut | Aha. Die Verletzungen sind tief und hässlich.

von meinen Füßen rasple, | und die will er jetzt beseitigen

und das ist schmerzhaft und blutet zuweilen, | ist klar. Aber auch hier sind zwei Ebenen im Spiel. So wie seine Füße bluten, blutet auch sein Herz.

entferne ich auch die Verkrustungen | Auflösung von oben, Rückkehr auf die Handlungsebene
meiner schmerzenden Seele. Jetzt erfährt der Leser den eigentlichen Hintergrund des Gedichts

Trage ab, Schicht für Schicht. | Es geht doch nicht so einfach, die Vergangenheit zu bewältigen. Also muss er es scheibchenweise machen, Es geht nur Stück für Stück. Aber er tut es, obwohl es weh tut.

Jetzt erst bemerke ich, | er wird sich seiner Situation bewußt

wie anstrengend, einengend und schmerzhaft,
verletzend uns sinnlos mein altes Leben war. | Er hat nun seine Situation erkannt. Er hat also ein neues Bewußtsein erlangt. Er hat etwas gelernt.

So, wie die Raspel meine Hornhaut schält, | ich führe ein neues Motiv ein, welches auch im Foto (übrigens mein eigenes), das Objekt, mit dem er seine Vergangenheit bewältigt. Die Raspel. Auf der Objektebene das konkrete Ding. Aber an dieser Stelle ahnt der Leser schon, dass da ja noch die Zweite, seelische Ebene existiert. Diese Spannung baue ich auf.

wie die Sonne meine Ausschläge auf meiner Haut heilt, | hier das Motiv der Sonne mit ihrer Wärme (wir erinnern uns, er sitzt ja auf dem Balkon in der Sonne), um dem Leser mitzuteilen, Achtung, die seelische Ebene kommt jetzt.

so heilst Du mich. | Ich führe noch eine dritte Ebene ein. Ein Du, eine unbekannte. Er hat erkannt, dass es eine höhere Kraft gibt, er kennt sie, die ihn dazu bringt, das jetzt zu tun, genau nämlich, in der Sonne zu sitzen, sich die Füße zu pflegen, und das Sonnenlicht Seine Seele heilen zu lassen.

Mit Deiner Liebe. | Und was ist das eigentliche Werkzeug dieser Heilung? Die Liebe. Man kann jetzt alles mögliche hier hineinlesen. Ist es ein anderer Mann, seine Mutter, eine Frau (wie bei mir). Oder ist es gar Gott oder ein Engel? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass er eine große Liebe spürt und sich heilen lässt. Von und mit dieser Liebe. Ja, wir wissen nichteinmal, ob diese Liebe überhaupt existiert. Aber er fühlt sie.

Ich danke Dir. | Am Ende hat er verstanden, dass ihm seine Taten vergeben werden. Dass die Liebe, die ihn heilt so annimmt, wie er ist, trotz seiner Vergangenheit. Er ist sich bewußt, dass nicht er selbst diese Transformation, diesen Bruch in seinem Leben, bestimmt hat und lässt sich in die Liebe fallen. Am Ende ist er dankbar, weil er seiner Ansicht nach diese Liebe gar nicht verdient hat.

Im Leser soll jetzt der Eindruck entstanden sein, geliebt zu werden. Ein Autor kann natürlich all dieses per Widmung konkretisieren, dann ist das Objekt klar. Das tue ich, wenn ich bestimmten Personen Gedichte schenke. Auch dieses wird irgendwann eine Widmung bekommen.

Das alles an Denk-Arbeit geht in so ein Gedicht. Für dieses Habe ich zehn Minuten gebraucht. Aber das Denken dahinter ist ein viel längerer Prozess. Die paar Zeilen sind schnell geschrieben, und schnell gelesen. Aber sie denken dauert lange. Und verstehen vielleicht noch länger 🙂

Grüßle, Markus

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