Der tiefe Fall der einstmals so stolzen Freien Reichstadt Esslingen am Neckar vor den Toren Stuttgarts wird so langsam zum bundesweiten Politikum. Doch nach dem Motto „immer auf die anderen“ wird seitens der Verantwortlichen mit dem Finger mal dahin mal dorthin gezeigt, um das eigene Versagen zu kaschieren. Der Fall Esslingen a.N. ist jedoch mehr als nur ein Einzelfall – er steht  symptomatisch für die Städte einer ganzen Region. Anbei ein persönlicher und rein subjektiver Bericht eines Insiders. Doch vorab eine kleine aktuelle Einleitung:

Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger (SPD) am 25.12.2009 im Interview mit der Stuttgarter Zeitung:

…Wir werden Leistungen verteuern müssen und uns mittelfristig verschulden müssen. Die letzte Antwort darauf, wie das System Stadt aussieht, werden wir erst noch erarbeiten müssen – politisch im Gemeinderat, aber auch im Dialog mit der Bürgerschaft.

StZ: Es gibt momentan auch wirtschaftsstrukturelle Probleme in der Region – denken Sie nur an Daimler und Sindelfingen. Welche Auswirkungen wird die Daimler-Entscheidung auf Esslingen haben?

Wir erleben gerade wieder ein deutliches Beispiel von Deindustrialisierung in unserer Region. In Esslingen kennen wir das durch die Entwicklungen bei Müller Weingarten, auch bei anderen Unternehmen, die hier ihren Standort haben, aber ihre Produktion verlagert haben. Wir stehen dabei nicht am Ende dieser Entwicklung, sondern leider erst am Anfang. Ein bisschen werden wir Opfer einer Wirtschaftspolitik im Land und in der Region, die zu sehr auf alte, traditionelle Unternehmen setzt und die Frage neuer Wertschöpfungsketten nicht genügend fördert. Wir sind leider nur Patentweltmeister. Aber es wird viel zu wenig versucht, diese Patente in die Produktion zu überführen. Wir brauchen so etwas wie Risikokapital. Das ist in anderen Bundesländern üblich. In Bayern wird uns das gerade wieder vorbildlich vorgemacht. Ich mahne dringend: Das Land Baden-Württemberg und die Region müssen sich dem Thema offen stellen, um der Erosion von Arbeitsplätzen etwas entgegenzusetzen.

http://stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2329415_0_7008_-esslinger-ob-im-interview-wir-sind-leider-nur-patentweltmeister-.html

Blogeintrag vom 20.8.2009

Als ich acht Jahre alt war, war es schick, in Esslingen am Neckar einzukaufen. Pünktlich zur 1200-Jahr-Feier 1977 hatte sich die ehemalige Freie Reichstadt herausgeputzt: Die schöne aber bis dahin ziemlich marode Altstadt wurde saniert und die größten Schandflecken (bis auf den bis heute  erbärmlichen Bahnhof) beseitigt. Ich habe die Stadt als schmuckes, schickes Kleinstädtchen in guter Erinnerung. Schließlich haben meine Eltern dort investiert, sich eine Wohnung gekauft, und auch ich habe ich dort zwei Jahre (1977-79) lang im Stadtteil Sulzgries gewohnt.

Der Esslinger an sich war immer etwas Besonderes. Er schwäbelt etwas breiter als der Stuttgarter, isst mehr Delikatessen, trinkt den besseren Wein, kleidet sich nobler und ist besonders Stolz auf seine Stadt. Das ist der Stuttgarter prinzipiell nicht. Der ist stolz auf den ganzen Südweststaat und nimmt seine Vorreiterstellung als Landeshauptstädter mit erhobener Nase gewissermaßen als naturgegeben hin.

Esslingen a.N. hatte über Jahrzehnte auch großes Glück: Daimler in Hedelfingen, Festo, Nokia, Hirschmann, Hengstenberg und andere investierten kräftig am und um den Neckar und auf den Fildern.

Dreißig Jahre später ist vom einstigen Glanz nur noch ein kümmerlicher Rest übrig. Einkaufen geht man von Uhlbach* aus in das viel weiter entfernte Stuttgart. Niemand geht mehr nach Esslingen a.N.. Nokia ist genauso weg wie Samsung oder Hirschmann.  Auch die einstigen Höhepunkte, die Feste in Esslingen a.N., werden zugunsten Stuttgarts geopfert. Ich war seit Jahren auf keinem Fest in Esslingen a.N. mehr. Früher war unsere ganze Familie dort quasi Stammgast.

Warum ist das so? Wenn Sie heute durch Esslingen a.N. gehen, treffen Sie auf eine besondere Mischung aus überalternden megafitten Rentner-Deutschen, die gerne ohne Rücksicht mit ihrem 2000-Euro Rennrad durch die Fußgängerzone brettern oder sie gleich ganz mit ihrer neuen E-Klasse umfahren, und aus Ausländern aus krasser Unterschicht, die ihre „Geschäfte“ lauthals in aller Öffentlichkeit tätigen. Es gibt (bezeichnenderweise) haufenweise Handyläden, ein-Euro-Shops und alle möglichen „Import-Exports“. Der früher in Esslingen a.N. angesiedelte gehobene, deutsche Fachhandel ist größtenteils verschwunden – auch weil für so manches Eigentümer-Geschäft schlicht der Nachfolger fehlte. Oder, noch schlimmer: die Stadtverwaltung sich hartnäckig geweigert hat, zum Beispiel Elektronikmärkte in die Innenstadt zu lassen. Zwar wurde nach jahrzehntelangem Streit endlich ein neues Einkaufszentrum gebaut – aber viel zu spät.

Esslingen a.N. ist aufgrund fehlerhafter Stadtplanung seit den 80er Jahren zum Vorstadtghetto Stuttgarts verkommen. Ein Grund ist die falsche Ausdehnung und Gemeindepolitik auf den Fildern, wo man traditionelle Esslinger Dörfer zu künstlichen Gemeindekonstrukten zusammengepfercht hat – mit der Folge, dass der Stadtkern ausblutete, weil auf dem Acker das Bauland noch bezahlbar war und der Bezug zum Stadtzentrum wegfiel.

Zweitens fehlte für die Innenstadt ein schlüssiges Konzept im Umgang mit der historischen Bausubstanz – die Idee, durch Ateliers und Künstlershops die Altstadt am Leben zu erhalten war nicht tragfähig. Die Stadtmitte hat auch die einstigen Magnete – die früher oftmals besser als in Stuttgart geführten und sortierten Warenhäuser, eins nach dem anderen verloren. So haben wir jetzt eine Art teuer saniertes Freilichtmuseum für Sozialhilfeempfänger. Dabei ist die Esslinger Altstadt eine der schönsten der Welt.

Die Wohnbevölkerung in der Innenstadt sinkt im Niveau immer weiter ab, ähnlich den Neckarvororten in Stuttgart auch. Beispiel Gastronomie: Erst war die traditionelle schwäbische Imbissbude da, dann der Jugoslawe, Italiener, Grieche, McDonalds und jetzt gibt es eine Döner-Bude neben der anderen. (bezeichnend: das nicht gerade als Nobelmarke bekannte McDonalds hat seine Filiale in Esslingen a.N. schon vor Jahren geschlossen und eine Besitzerin dieser besagten Dönerläden wurde erst kürzlich wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verurteilt.) An und in diesen Dönerbuden lungern auch tagsüber Gestalten herum, denen man bei seinem Einkauf lieber nicht begegnete.

Das sind die Kollalateralschäden des Industriesterbens – vornehmlich arbeitslose Migranten der dritten Generation, die sich erst gar nicht um eine Ausbildung oder Arbeitsstelle bemühen, dafür aber umso eifriger Passanten belästigen. In Baden Württemberg haben 43% der 30-35jährigen Ausländer keine Berufsausbildung. Dabei ist Arbeitslosigkeit ein Schichten- und kein Nationalitätenproblem. In Esslingen trifft dann beides zusammen.

Neben der menschlichen Tragödie gibt es in Esslingen a.N. aber auch Hausgemachtes. Es macht keine Freude, wenn man bei jeder Besorgung einen Strafzettel kassiert – egal, ob aufgrund Parkplatzmangels oder einer sinnlosen Radarfalle. So ist Esslingen a.N. die einzige Stadt, die ich kenne, in der Rotlichtblitzer auch bei überhöhter Geschwindigkeit blitzen – so dass gerade dann, wenn man über die gelbe Ampel beschleunigt, der Starenkasten zuschlägt. Ich habe drei solcher Strafzettel bekommen, insgesamt flossen ungefähr 100 Euro in die Stadtkasse. Seither gehe ich in Esslingen a.N. nicht mehr einkaufen. Bei vorsichtiger Schätzung hat die Stadt in den Jahren also 30.000 Euro Umsatz nur an mir wegen dieser modernen Wegelagerei verloren. Und ich bin nicht der einzige – auch der Rest der Familie meidet mittlerweile die Stadt. Frage an die Esslinger Bürokraten: Hat sich das für Sie gelohnt?

Nicht gerade ermutigend sind auch Berichte anderer: So wird über unsinnige Bürokratie und lächerliche Sturheit der Stadtverwaltung gegenüber Unternehmern geklagt – mit der Folge, dass vor ein paar Monaten ein weiterer Gutverdiener und Arbeitgeber die Innenstadt zugunsten einer ländlichen Region verlassen hat.

So, liebe Kommunalpolitiker in Esslingen a.N., macht man vorsätzlich seine Stadt kaputt.

Mit dem schleichenden Tod der Stadt Esslingen a.N. geht mir persönlich ein ganzes Stück Kindheit verloren. Doch die Lage der einstigen Freien Reichstadt, die schon lange vor Stuttgart existierte, scheint hoffnungslos. Weder politisch, noch wirtschaftlich gibt es Hoffnung für das historische Kleinod. Die Vertreter auf kommunaler Ebene sind reihum in allen Parteien nur Sekunda, zerstritten und kleinstbürgerlich sind sie noch dazu. Es fehlt ein Konzept für den Strukturwandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft und keine Partei kann eines vorweisen.

Die Schlagzeilen aus Esslingen a.N. werden durch marode Infrastruktur (man erinnere sich an die zwei Toten beim aus dem Parkhaus fallenden Auto…), Firmenschließungen und migrantische Schlägerbanden bestimmt (so hat eine kriminelle Vereinigung aus jungen Türken vor ein paar Wochen einen Unschuldigen krankenhausreif geprügelt )

Die Probleme der Stadt Esslingen sind jetzt so groß, dass man sie auch aus Politischer Korrektheit nicht mehr wegdiskutieren kann. Und ich denke, Esslingen a.N. steht Pate für viele Klein- und Satellitenstädte in Deutschland. Vielleicht ist sie aber auch nur ein Vorbote für das kommende „Detroit Deutschlands“. Hoffentlich nicht.

Denn: Die Stadt Stuttgart hat, und das bei all ihren Strukturproblemen, in den letzen Jahren deutlich an Lebensqualität hinzugewonnen. Stuttgart hat kräftig in sein Image investiert und mit einer sinnvollen Innenstadtpolitik auch neue Freunde in der Region gewonnen. Viele attraktive Veranstaltungen und eine rigide Sicherheitspolitik stärken die Stadt. Wenn nur der Verkehr nicht wäre…

Mein Fazit, gerade auch nach der letzten Kommunalwahl, bleibt bis auf weiteres: Esslingen a.N.? Nein, danke.

*Uhlbach, seit 1931 ein Stadtteil Stuttgarts, liegt im südöstlichen Zipfel der Stadt und ist geographisch wie historisch näher an Esslingen als an der Innenstadt der Landeshauptstadt.

5 Responses to “Esslingen a.N.? Nein, danke.”
  1. Hallo,

    ich kann Ihnen in vielen Punkten nicht zustimmen.

    Das Problem in der Wirtschaftsstruktur, dass Sie hier für Esslingen zitieren, trifft in meiner Wahrnehmung genauso für Stuttgart, BW und ganz Deutschland zu. Die Abwanderung von produzierendem Gewerbe ist seit Jahrzehnten Thema in Deutschland und sollte keine Verwunderung mehr hervorrufen. Die Wirtschaft in BW hat zudem einen starken Schwerpunkt im Bereich Automobil.
    Die Arbeitslosenquoten in Esslingen sind nach wie vor deutlich niedriger als in den meisten anderen Gegenden Deutschlands. So schlimm kann es dort also nicht sein.
    Natürlich gibt es in Esslingen einige große Firmen die weggegangen sind, was auch sehr schade ist. Aber eine Stadt ist ja nicht festzementiert. Niemand kann sagen, dass es in 2000 Jahren noch Daimler
    und Porsche gibt oder ob es überhaupt noch Autos gibt. Schließlich sind sie erst seit kurzem Teil der Menschheitsgeschichte.

    Ich bin vor einigen Jahren in den Süden gezogen und bin nach Esslingen gezogen, obwohl ich eine Stellung in Stuttgart angenommen habe.
    Dies würde ich heute wieder tun. Ich kann mir aktuell nicht vorstellen nach Stuttgart zu ziehen. Aber das ist letztlich ja auch Geschmackssache.

    Was das Thema Einkaufen angeht, so habe ich da andere Erfahrungen gemacht. Ich persönlich kaufe eigentlich so gut wie nie in Stuttgart ein, da ich das, was ich für mich brauche in Esslingen bekomme.
    Die Königsstraße in Stuttgart zum Beispiel ist für mich eher ein
    abschreckendes Beispiel mit seinen Samstags total überlaufenen Kleidungsketten.
    In meinem Bekanntenkreis sind einige Personen, die in Stuttgart
    wohnen, aber in Esslingen einkaufen gehen. Somit kann ich Ihren persönlichen Erfahrungen meine gegenüberstellen, was natürlich von Ihrer und meiner Seite nicht objektiv ist.

    Fachgeschäfte außerhalb von Großstädten halten sich einfach deshalb nicht mehr so gut, weil generell weniger Kundschaft zum Beispiel Haushaltswarenartikel in hochwertigen Fachgeschäften kauft. Es gibt deutlich mehr Konkurrenz (z.B. durch das Internet oder auch Lebensmittel-Discounter mit den Wochenangeboten). Die Menschen setzen heutzutage andere Schwerpunkte und fliegen lieber in den Urlaub als sich ein edles Service zu kaufen. Gehobener Fachhandel ist meiner Meinung nach in Deutschland in vielen Bereichen generell auf dem Rückzug (größtenteils liegt dies aber an der inzwischen sehr preissensitiven Kaufmentalität: Geiz ist geil).
    Zugegeben die Handyläden z.B. in der Pliensaustraße wirken etwas
    eintönig. Aber wann sind sie das letzte mal zum Beispiel in eine
    private Boutique oder Parfümerie gegangen und dafür nicht zu H&M, zu Douglas oder per WWW zu Amazon? In bestimmten Bereichen setzen sich halt die Ketten durch.
    Ich kenne Gegenden z. B. in NRW da stehen in manchen Straßen 30-50% der Läden leer. Was ist besser? Übrigens sind die 1-Euro-Läden seit 1/2 Jahren wieder auf dem Rückzug. Das war eine Modewelle, wie ich sie in vielen Städten gesehen habe. Inzwischen verlagern sich 1€-Artikel in die normalen Einkaufsmärkte (Marktkauf / Real …).
    Es gibt auch Elektronikmärkte in der Innenstadt (z.B. Saturn, ARLT und ein paar private Geschäfte). Aber die sind ja auch ein typisches Beispiel der Entwicklung von Fachhändlern hin zu großen Ketten.

    Was die von Ihnen beschriebenen Firmenschließungen und Banden betrifft, so ist es doch normal, dass schlechte Nachrichten in der heutigen Medienlandschaft weitere Verbreitung finden als positive Nachrichten.
    Ich bemerke zum Beispiel auch Nachrichten über Messerstechereien in Stuttgarter Discos. Kurzarbeit bei Mahle etc. Diese bleiben auch besser im Gedächtnis als gute Nachrichten.

    Beim Thema FastFood finde ich werden Sie unsachlich und polemisch.
    Ich finde den Gastronomie-Sektor kann man nicht auf FastFood beschränken
    und Esslingen hat gerade im Gastronomiebreich eine Menge zu bieten.
    Es verwundert mich schon, dass sie den Einzelfall einer Dame die wohl
    Steuern hinterzogen hat benutzen, um den Anschein zu erwecken, dass dies auf den „Abstieg“ in Richtung Döner-Buden zurückzuführen sei.
    By the way, in vielen Vergleichstest zum Thema FastFood schneidet der Döner meist als die gesündeste Variante ab – ist somit ernährungswissenschaftlich wohl eher ein Aufstieg.
    Anscheinend sind Sie auch nicht darüber informiert, was in Esslingen passiert. So beschreiben Sie zum Beispiel, dass McDonalds Esslingen verlassen hat. Das ist richtig, allerdings ist dafür zum Beispiel Burger King gekommen und inzwischen hat Subways die zweite Filiale eröffnet.
    Ich gehe jede Woche mehrmals in Esslingen Einkaufen und kann nun wirklich nicht feststellen, die Dönerläden daran zu erkennen wären,
    dass da herumlungernde Gestalten wären.

    Das Thema mit den Rot-Blitzern finde ich schlicht albern. Gut das Stuttgart jetzt die Digitalblitzen einführt die dreispurig alle
    Verkehrssünder mit Nummernschilderkennung ertappen. Die fahren dann jetzt alle wieder nach Esslingen zum Einkaufen und es gibt dort noch weniger Parkplätze. 😉

    Zum Thema Feste kann ich sie beruhigen, es gibt noch immer zahlreiche und schöne Feste in Esslingen. Nicht zu vergessen der Mittelaltermarkt im Dezember. Ich konnte auf diesen keine gähnende Leere feststellen.
    Natürlich hat auch Stuttgart schöne Feste zu bieten.

    Wir sind uns aber auf jeden Fall einig, dass Esslingen eine der schönsten Altstädte.

  2. […] Esslingen aN? Nein, danke. […]

  3. Das hier ist reine Propaganda gegen die Stadt Esslingen, Ausländer und andre Minderheiten. Ich kann kaum glauben was meine Augen sehen, eine derartige Wortwahl zu diesen Themen ist einfach Geschmacklos.

  4. Nein, das ist meine Meinung. Punkt.

  5. Die Döner – Geschichte ist aus Ludwigsburg und nicht aus Esslingen.

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