UPDATE 17.11.2009 Die Süddeutsche zum Thema Google Books: „Google schränkt sich beim Einscannen von Büchern aus Europa ein. Das birgt für deutsche Verlage die Gefahr, die Digitalisierung weiter zu verschlafen.“

[…]Der Erfolg für die deutschen Verlage und andere Rechteinhaber birgt auch die Gefahr dauerhafter Rückständigkeit. Denn Google ist – so sehr dies hinsichtlich der Monopolgefahr bedenklich stimmen mag – eine der treibenden Kräfte, die die Welt ins digitale Zeitalter bewegen. Kulturgüter, die bei diesem Prozess nicht mitgenommen werden, laufen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert bekanntlich die „Schaffung einer Deutschen Digitalen Bibliothek.“ Das klingt sinnvoll. Wer aber die bestehenden Projekte aus deutscher Hand im Netz kennt, zweifelt am Erfolg eines solchen Modells.

Deutlich wird dies am Projekt Libreka des Börsenvereins, das oft zum Google-Books-Konkurrenten ernannt wurde. Die Webseite ist aber nichts als eine schlichte Plattform für den Buchverkauf, auf der man in ein paar digitalisierten Buchseiten blättern kann.

Die gepriesene Volltext-Suche, mit der man gelistete Bücher durchsuchen kann, funktioniert zwar, bleibt aber aufgrund der begrenzten Funktion des Angebotes sinnfrei. Was hat der Suchende davon, zu wissen, dass Mephisto zwar in Goethes „Faust“ zu finden ist, solange er den eigentlichen Treffer seiner Suche nicht sehen kann, weil Libreka von „Faust“ nur das Vorspiel auf dem Theater bereit hält.

So klaffen noch weite Qualitätsgräben zwischen Google und den selbsternannten Konkurrenten.

http://www.sueddeutsche.de/,ra12m1/computer/307/494641/text/

Was lese ich gerade im Ticker?

Seattle – Der weltgrößte Online-Einzelhändler Amazon.com hat in der Wirtschaftskrise ein weiteres Mal Gewinn und Umsatz kräftig gesteigert. Ein Grund: Amazons Lesegerät für elektronische Bücher „Kindle“ war zuletzt der bestverkaufte Artikel des US- Konzerns. Mit seinen Zahlen für das dritte Quartal und den Aussichten für das Weihnachtsgeschäft übertraf Amazon die Erwartungen der Analysten klar. Der Überschuss stieg in den letzten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahresquartal um 68 Prozent auf 199 Millionen Dollar.

Das zeigt (mal wieder), wie die deutsche Innovationsfeindlichkeit uns international immer weiter zurückfallen lässt. (siehe auch hier). Während bei uns Katalog-Versender mit 50 Mio. Staatsgelder in die Pleite geschickt werden, während die Kanzlerin überkommene Urheberrechte gegen Google „verteidigt“, während eine ganz Buchmesse noch über Sinn oder Unsinn von Ebooks laboriert, MACHEN ANDERE LÄNGST UMSATZ!

Wann endlich verstehen wir, dass die Uhren im Jahr 2009 anders ticken als 1985? Mit einem nicht vorhandenen Verständnis für die digitale Wirtschaft oder die Internet-Technologie, mit dem Abmahn-Wahn als ABM für gescheiterte Rechtsanwälte (siehe #abmahnwahn auf Twitter) und mit einer Totalverwirrung in Sachen Internetrecht verjagen wir die digitale Wertschöpfung ins Ausland.

Als mein Kommilitone seine Diplomarbeit über Ebooks in 2005(!) schrieb (Link hier), wurde er von Teilen der Akademia dafür belächelt. Niemand soll behaupten, wir hätten keinen Zugang zum notwendigen Wissen gehabt! Nur: in  unserer Universitätswelt und in der deutschen empirischen Sozialforschung war und ist Trendsetten UNERWÜNSCHT. Da herrschen Mittelmaß, Nachbeten und Anpassung. Von wegen Elite.

Niemand wollte vor fünf Jahren etwas über Ebooks wissen, keine Industrie war bereit, in die Technik zu investieren. Die strukturell veralteten deutschen Verlage pochen auf Vergangenes wie Buchpreisbindungen und verlangen jetzt auch noch Sonderrechte für sich selbst im Netz. Die Folge:

Immer mehr deutsche Unternehmen verlieren Marktanteile an US-Firmen, siehe Amazon oder Google. Danach schreien sie nach gesetzlichem Schutz vom Staat, anstelle kreativ und innovativ am Markt teilzunehmen. Der Schutz von Rechten heißt aber nicht Schutz vor WETTBEWERB! Das genau ist es, was die eingeschlafene deutsche Verlagswirtschaft vom Gesetzgeber fordert. Als Liberaler muss ich dazu sagen: NEIN!

Die digitale Wirtschaft in Deutschland scheitert immer wieder an reformbedürftigen Gesetzen, die die ganze Branche lähmen. (so verliert z.B. Ebay erheblich Kunden und streicht Stellen in Deutschland wg. Abmahnungen und zunehmender Rechtsunsicherheit) Das muss sich dringend ändern – mehr Freiheit, mehr Wettbewerb und mehr Technikfreundlichkeit sind die Gebote der Stunde. Weg mit den unnötigen Subventionen und Finger weg von Sonderrechten für das Establishment!

Wer aus dem Fall Quelle immer noch nichts gelernt hat, wird am Ende zugrunde gehen (müssen). Letztendlich zu Lasten der gesamten Gesellschaft. Wer moderne Technologien verleugnet, nicht versteht und noch nicht einmal vestehen WILL, hat in der globalen Konkurrenz nichts mehr zu suchen.

Durch die Technikfeindlichkeit wird Deutschland von internationalen Trends abgehängt und verliert sich im kleinkarierten Vorschrifts-Verbots-Sumpf.

Das Ebook ist da. Und das ist gut so. Denn die Welt wird in Zukunft elektronisch lesen – ob die deutschen Verleger nun wollen oder nicht.

PS. Ich selbst habe schon vor fünf Jahren ein Referat im Fach Verlagswirtschaft über das Thema „XML als Datenaustauschformat im Verlagswesen“ an der Universität gehalten. Und? „Zukunftsmusik“, hieß es*. Jetzt wären sie froh, sie hätten es damals kapiert. Bis heute existiert kein solches Austauschsystem. Traurig. Siehe dazu auch:

Um ein Buch auf den Lesegeräten darzustellen, müsse der Text im Format XML vorliegen, was aber zumeist nicht der Fall sei. Machert: „Die Übertragung eines Manuskripts in XML kostet Geld. Dieses Geld ist aber gut investiert, da XML die beste Grundlage für weitere Verwertungsschienen ist.“ http://www.n-tv.de/technik/unterhaltung/E-Book-wird-boomen-article543299.html

Wissen sie, was mich am meisten dabei ankotzt? Dass Ideen nur deshalb in Deutschland abgelehnt werden, weil sie von einem „minderwertigen“ Studenten, Doktoranden oder Mitarbeiter kommen. Anstelle auf die Sache zu schauen, schaut man auf den (oftmals erschlichenen) Status des Vortragenden! Eine solche Gesellschaft verpasst viele ihrer Chancen und wird nie wieder innovativ werden. Sie ist dekadent.

Wer Innovation will, muss erst mal Zuhören lernen! Und das bitte mit dem notwendigen Respekt vor dem Hirnschmalz jedes Einzelnen. In den Köpfen der jungen Leute ist die Zukunft. Und nicht im Geldköfferchen der Graumelierten.

Als philosophisch Interessierter könnte man auch sagen:

Im Kapital akkumuliert sich die Zukunft von gestern.

Aber das ist eine andere Debatte…

(Erweitert hieße der Satz wohl: „Im Kapital akkumulieren sich die Zukunft von gestern, die Hoffnung von heute und die Wirklichkeit von morgen.“ Auch nicht schlecht. 😉 )

(*Der Lehrbeauftragte war an leitender Stelle im Börsenverein des deutschen Buchhandels tätig.)

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