Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat. – Napoléon Bonaparte

Geschichte ist immer nur das, was zur Geschichte erhoben wird. Mit der Abwandlung des berühmten Satzes wollen wir unsere Reise durch die Ideengeschichte der Staats-Erfinder starten. Warum dieses Zitat? Nun, wenn wir die Quellenlage zu antiken Texten betrachten, so ist diese recht dürftig. Nicht nur, dass uns aus der vorsokratischen Zeit so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse der Staatsbildung vorliegen, es sei denn die Gesetzte Hammurabis gelten als solche; es ist gemäß der obigen Regel Usus geworden, die Geschichte des Denkens bei den Alten Griechen beginnen zu lassen.

Dabei wissen wir heute, dass es verfasstes Gemeinwesen seit mindestens 8000 Jahren gibt – die Grabungen in den prähistorischen Kulturen Unterägyptens zeugen davon. Auch in China gibt es Grabungen, die auf ähnlich alte Staatsformen hinweisen. Allerdings haben wir keine schriftlichen Zeugnisse ihrer Denkweisen.

Vermutlich noch im 9. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Griechen das Alphabet von den Phöniziern. Die Bildung von Stadtstaaten (Poleis) wird im 8. Jahrhundert v. Chr. abgeschlossen und es entstehen unterschiedliche Verfassungen, weshalb wir im Allgemeinen unsere Geschichte mit dem Vater der Geschichtsschreibung Herodot beginnen lassen. Herodot verfasste in seinen Historien den ersten Verfassungsvergleich und gilt somit als Begründer der modernen Geschichtsschreibung (Herodot, 3,80-84). http://www.gottwein.de/Grie/herod/hdt03080.php

Allerdings ist die Darstellung der verschiedenen Stadtstaaten narrativ – es wird in Formen der Erzählung und des Dialogs gearbeitet, weshalb die Extraktion der dahinter stehenden politischen Ideen eine mühsame, durch mehrfache Übersetzungen verfälschte Arbeit ist, die viel Aufwand mit wenig Ergebnis belohnt. Die uns zugänglichen Überlieferungen antiker Texte beruhen auf der Lesbarkeit der altgriechischen Sprache gepaart mit einer unverminderten Fähigkeit, diese in Lehranstalten auch zu erlernen. Dass dabei Kulturen und Schriften unberücksichtigt bleiben, deren Gemeinwesen weniger bekannt ist, ist offensichtlich. Daher ist Geschichte nur der willentlich wahrgenommene und rezipierte Ausschnitt der menschengemachten Wirklichkeit.

Zurück zur Polis: Der griechische Stadtstaat, wie er seit dem 8. Jhd. v. Chr. entstand, ist für unsere Betrachtung interessant, weil dort im Zuge der griechischen Hochkultur mehrerlei geschah: 1. Die Konzepte von Moral und Gerechtigkeit wurden (und/oder durften) diskutiert werden, 2. Die Bürger der Polis wurden aktiv an der Entscheidungsfindung beteiligt und der Bürgerbegriff definiert und 3. Es wurden zum ersten Mal heute noch belegbar theoretische Modelle zur Beschaffenheit des Gemeinwesens aufgestellt. Von diesen Grundüberlegungen profitieren wir heute noch und viele unserer Verfassungsgrundsätze beruhen auf die Überlegungen der altgriechischen Philosophen. Ganz nebenbei bemerkt entwickelten die Griechen das Geldsystem und die Münzprägung, welche auch für uns noch von zentraler Bedeutung sind, wie wir sehen werden.

Die Regierung der Polis wechselte zwischen Alleinherrschaft (Tyrannis) und Volksherrschaft (Demokratie). Zunächst wurden Könige gewählt, später wurden Räte gebildet, in denen Bürger entschieden. Bürger waren, wohlgemerkt, keine Frauen und keine Sklaven.

Ideengeschichtlich gesehen sind die ersten Meilensteine, aus denen wir etwas in unseren virtuellen Ideenkorb mitnehmen wollen, die Epen Homers. Weniger der Inhalt der Ilias oder der Odyssee soll uns hier interessieren, sondern eher die von ihnen angeregten Diskussionen. Die in den Epen behandelten Themen, wie z.B. der gerechte Krieg, die Rollen von Herrscher und Eliten, die Rolle des Volkes und das Rechtswesen induzierten in der Polis-Gesellschaft die gesellschaftliche Debatte um oikos, den Haushalt, daraus abgeleitet wurde übrigens das Wort Ökonomie, um logos, das Gesetz, demos, das Volk, und den tyrann, den König als Symbol für die Macht.

In der Polis fand ein weiterer für uns wichtiger Prozess statt: Die Kodifizierung des Rechts. Begründet auf Vertrauen und Freundschaft wurde bei zunehmender Rivalität das Verhältnis zwischen den Bürgern unsicher – man brauchte belastbare Regeln – die ersten juristischen Regelsysteme entstanden. So wurde z.B. bei Solon die Schuldsklaverei abgeschafft und das heute noch gebräuchliche Geschworenengericht eingeführt. Er führte, im 6. Jhd. v. Chr., das Leistungsprinzip bei der Ämterbekleidung ein, etwas, mit dem wir heute noch manchmal so unsere Schwierigkeiten haben. Kleisthenes eröffnete der Mittelschicht den Zugang zu Staatsämtern und Perikles festigte die Demokratie in Athen. Erstmals konnte die Bevölkerung eines Staates an dessen Herrschaft aktiv mitwirken. Herodot erfand die Geschichtsschreibung und fand dabei einen zentralen Gedanken heraus, der sich bis in die Moderne als tragend erweist: Macht korrumpiert. Macht hat also eine Eigendynamik, die offenbar zu Verfehlungen verführt. Das sollten wir uns merken!

Auch auf philosophischer Ebene sollten wir ein paar Ideen in die Zukunft mitnehmen: Thales von Milet ging ca. 535 v. Chr. von einem Seinsgrund aus und das allem was ist, ein gemeinsames Prinzip inne wohnt. Nebenbei entwickelte er den heute nach ihm benannten Thales-Kreis und weitere mathematische Gesetze. Thales war einer der Sieben Weisen der Antike und wird auch der Vater der Philosophie genannt. Pythagoras spricht seinen berühmten mathematischen Satz und begründet neben der Theorie auch den deduktiven Beweis.

Dazu eine kleine Begriffsdeutung: Bei der Deduktion erfolgt der Beweis eines Sachverhaltes vom Allgemeinen zum Speziellen, wenn also alle Menschen sterbliche sind und Sokrates ein Mensch ist, dann… genau, ist Sokrates sterblich. Die Ergebnisse von korrekten Deduktionen sind logisch wahr. Bei der Induktion hingegen erfolgt der Beweis von Speziellen auf das Allgemeine: Wenn in diesem Versuch das Metall bei 613°C schmilzt, dann … genau, wird es immer bei 613°C schmelzen. In den Sozialwissenschaften hat sich die theoriegeleitete Forschung mit deduktiver Beweisführung in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt. Ich bezweifle allerdings deren Wirksamkeit – schließlich gibt es viele Sachverhalte, für die es entweder keine Theorie gibt, oder die auf Phänomene beruhen, Spezielles also, für das keine Deduktion möglich ist, weil das erklärende Allgemeine noch gar nicht gefunden wurde. Die Ergebnisse von Induktionen sind nicht zwingend logisch wahr – sie liefern bestenfalls eine Wahrscheinlichkeits-Aussage über die Wahrheit. Hierzu an späterer Stelle mehr. (vgl. Humes Gesetz)

Wie wir sehen, fanden in der Polis unzählige wichtige Prozesse zur Ausbildung des modernen Denkens statt, die einen erstaunlich hohen Abstraktionsgrad aufweisen, zu welchem wir erst wieder im 17. Jahrhundert im Zuge der naturwissenschaftlichen Revolution finden werden. Wir wollen noch ein paar Ideen aus dieser so produktiven Zeit adaptieren:

Anaximander formuliert die These vom Weltgesetz, auf dem alle Prozesse in der Welt beruhen. Die Ontologie, die Lehre vom Sein, wird geboren und Heraklit, der uns mit dem „panta rei“, dem „alles fließt“ beglückt hat, schafft das allumfassende Eine, das Logos. Das Absolute ist geschaffen. Platon wird die Lehre Heraklits später so wiedergeben: „Alles fließt und nichts bleibt; es gibt kein eigentliches Sein, sondern nur ein ewiges Werden und Wandeln.“ Ein philosophischer Standpunkt, dem ich nur zustimmen kann. Oder sind sie schon zwei mal in den selben Fluss gestiegen?

Noch fehlt uns ein Teil des vorsokratischen Denksystems: Die Teilhabe des Menschen am Ganzen. Dazu verhilft uns Parmenides, der das menschliche Denken vom konkreten Gegenstand auf das Absolute hebt – in unserer Sprache also eine Abstraktion des Denkens ermöglicht.

Nun sind wir also, kurz vor der Athenischen Demokratie, ca. 450 v. Chr. In der Lage logisch zu denken, mathematisch zu deduzieren, wir haben das Sein und das Absolute erfunden und unser Denken in diese Kategorien gehoben. Was könnte uns also zu einer Entwicklung eines Staatswesens fehlen? Nichts. Eben. Das Nichts. In seiner Schrift „Vom Nichtseienden“ liefert Gorgias uns die fehlende Kategorie nach. Wenn nichts wirklich sicher existiere, so Gorgias, könne auch nichts bewiesen sein. Dieser Gedanke führt bei den Sophisten in Athen zur Entwicklung des Begriffen der Wahrscheinlichkeit und der Rhetorik. Beide Begriffe werden für uns noch von zentraler Bedeutung sein.

Zu guter letzt wollen wir uns noch den Relativismus in den Ideenkorb werfen, den Protagoras entwickelt hat. Er vertrat die Ansicht, dass alle Dinge relativ zur Wahrnehmung des Einzelnen sind, mehr noch, er führte auch die Grundlage unseres Wertekanons ein: Den so genannten „Homo-Mensura-Satz“. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“. Die Basis für die allgemeine Menschenwürde, wie sie in unserer Verfassung an allererster Stelle steht, war geboren.

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