Dienstag, 17 Uhr: Es hat also doch für die Grünen gereicht und das riskante Medienspiel mit Umfragen und Prognosen ist für die Beteiligten gerade noch einmal gut gegangen. Dennoch – Medien und Umfrage-Institute in Detuschland befinden sich auf demselben Weg wie die US-Medien, die Al Gore schon mal zum Präsidenten ausriefen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor der mediale Super-GAU auch bei uns eintritt. Was wäre nun die richtige Berichterstattung gewesen? Nun, 1. klar deutlich machen, dass es eine Umfrage war. 2.) Eine Überschrift wählen, die den spekulativen Charakter der Meldung deutlich macht, und 3.) auf die Besonderheiten des Wahlsystems hinweisen. Das ist wohl das mindeste, was man von „Qualitäts“-Journalisten erwarten kann, oder?

UPDATE 9.6 Grüne laut vorläufigem Ergebnis mit 16 Sitzen vor CDU mit 15 Sitzen.

UPDATE 8.6.: „Laut der Sitzverteilung nach Stimmzetteln ist die CDU mit 18 Sitzen stärkste Fraktion, Grüne 15“ http://stuttgart.de/item/show/41708/1/3/357914?

quelle www.sxc.hu

„Grüne werden größte Fraktion im Stuttgarter Stadtrat“ tönt es am Kommunal-Wahlabend durch alle „objektiven“ und „unabhängigen“ Medien; den SWR, die Stuttgarter Zeitung, ja sogar die Tagesschau. Es soll sogar einen, oh welch ein Beitrag zum Umweltschutz!, grünen Autokorso durch Stuttgart gegeben haben. Die Stuttgarter Zeitung meldet gar gleich „Grüne wollen jetzt Stuttgart21 verhindern“.

Moment mal! Kommunalwahl-Ergebnisse aus der Stadt Stuttgart liegen laut www.stuttgart.de doch frühestens am Dienstagabend vor. Worauf also basiert die Meldung?

Die Meldung basiert auf einer UMFRAGE von infratest-dimap im Auftrag des SWR. Dort habe man 5000 Stuttgarter Wähler beim Verlassen des Wahllokals befragt und sei auf 27,0% für die Grünen und 26,5% für die Union gekommen.

Die Aussage, die Grünen würden somit zur stärksten Fraktion in Stuttgart ist kompletter Unsinn. In der Umfrage wird weder das komplizierte Kommunalwahlrecht in Baden-Württemberg in Betracht gezogen, noch die aufgrund der Pfingstferien zahlreichen Briefwähler.

Weiterhin wird nicht verraten, in welchen Stadtbezirken befragt worden ist. In Uhlbach jedenfalls nicht.

Die Differenz von 0,5% erlaubt nach jeder sozialwissenschaftlich irgendwie sinnvollen Methode keinerlei Aussage über Gewinner oder Verlierer. Komma-Prozent-Zahlen in solchen Prognosen sind schlicht absurd. Die Grünen haben in Stuttgart weder bei der Europawahl, noch bei der Regionalwahl mehr Stimmen bekommen als die CDU. Und dort liegen die Ergebnisse vor.

Wie können gestandene Medien solche Meldungen ungeprüft übernehmen und statistisch völlig unhaltbare Aussagen verbreiten? Wo sind da die Recherche und journalistische Sorgfaltspflicht? Fehlanzeige! Offensichtlich setzt man an die Berichterstattung über die Kommunalwahl Redakteure, die vom Wahlsystem keine Ahnung haben oder haben wollen.

Selbst wenn die Grünen die meisten Stadträte bekommen sollten, was ich bezweifle, sollten sie nicht so laut jubeln, bevor das Ergebnis feststeht. Denn sollte die Prognose falsch sein, haben sich nicht nur die Grünen im Landtag, sondern auch die Stuttgarter Zeitung, der SWR und die Tagesschau gründlich blamiert.

Das wiederum wäre ein weiterer Nagel in den Sarg der „etablierten“ Tagespresse und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dessen „Inszenierungen“ von Wahlen und Ergebnissen durch Twitter und co. immer durchsichtiger werden.

Ergebnisse: http://www5.stuttgart.de/wahlen/wahl_h/gemeinderatswahl09/grw09_stadtbezirke.html

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