Der Steinbock und der Fisch, Teil 2 von 2 (31.4.2021)

…doch als der Steinbock oben am Gipfel ankam und die kargen Felsen betrachtete, bemerkte er, dass er doch sehr einsam war. Der Fisch hatte ja in gewisser Hinsicht ja schon recht gehabt. Er, als Steinbock sah seine Frau höchstens einmal im Jahr, zur Brunftzeit – und da war er so voller Hormone, dass er alles andere war als er selbst. Liebe war das gewiss nicht.

Er dachte lange nach. Plötzlich erwachte in ihm eine Erkenntnis: Er hatte sich in den Fisch verliebt. In seine großen, tiefen Augen. In seine glänzenden Schuppen. Trotz des Spotts und Hohns, den der Fisch ihm gegenüber geäußert hatte, konnte er den verdutzten traurigen und erschrockenen Blick im Gesicht des Fischs nicht vergessen.

Der Fisch räkelte sich im seichten Wasser am Ufer des Sees und ließ sich die Sonne auf die Flossen scheinen. Ihm ging es gut. Er war satt und zufrieden, von seinen Jungfischen umgeben. Das Leben war einfach wundervoll.

Da tauchte am Himmel ein Schatten auf. Ein Adler kreiste über dem See. In luftiger Höhe segelte er dahin und suchte mit seinem scharfen Blick nach Beute. Er war hungrig und hatte eine Familie zu versorgen, ein Junges wartete im Nest auf ihn. Es war nicht einfach, dieses Adlerleben, nachdem die Menschen immer und immer wieder die Nestruhe störten. So mussten beide, Adlerfrau und Adlermann auf Jagd gehen, um wenigstens ein Junges durchzubringen.

Der Adler erblickte den faul im seichten Wasser liegenden Fisch, setzte zum Sturzflug an, stürzte hinab, krallte sich den harten Schuppen des Fischs fest, erhob sich in die Luft und flog mit ihm davon.

Mittlerweile hatte der Steinbock starke Sehnsucht nach dem Fisch. Deshalb hatte er mit seinen harten Hufen einen kleinen Teich oben am Berg ausgescharrt. Die warme Sommersonne ließ den Schnee schmelzen und so lief der Teich schnell voll mit klarem Gebirgswasser.

Wehmütig stand der Steinbock am Ufer seines kleinen Teichs und stellte sich vor, dass der Fisch darin schwamm. Er redete mit ihm, bildete sich ein, endlich hier oben einen Freund zu haben. Doch da war niemand. Steinbocks Fisch war nur eine schöne Illusion.

Plötzlich, Geschrei! Gekreische!

Der Steinbock sah, wie der Adler den Fisch aus dem See holte. Nein!, schrie er. Nein, Adler! Du frisst nicht den Fisch, meinen Freund!

Nanu, dachte sich der Adler, schon auf dem Weg nach Hause. Was will der denn?

Ich gebe Dir eine Gämse, schrie der Steinbock in Panik, wenn Du den Fisch loslässt.

Der Steinbock rannte los, hüpfte gekonnt über die schroffen Felsen und rammte seine gewaltigen spitzen Hörner direkt in eine Gämsengruppe hinein. Er traf ein Jungtier mit voller Wucht. Es war sofort tot.

Na gut, dachte der Adler. So eine Gämse ist allemal mehr Futter für meine Familie also so ein knochiger Fisch. Dachte sich‘s, kreiste über dem kleinen Teich hoch oben am Berg und ließ den Fisch in den Teich fallen. Flog zurück, krallte sich die tote Gämse und flog ächzend davon. Nach Hause, endlich. Genz schön schwer zu tragen, so eine große Beute, dachte er. Aber seine Frau Adler würde glücklich sein und das Junge für eine ganze Weile gut versorgt.

Eilig rannte der Steinbock zurück zu seinem Teich. Geht es Dir gut, Fisch? Bist Du verletzt?, fragte er. Nein, alles in Ordnung, sagte der Fisch. Meine harten Schuppen haben mich vor den scharfen Krallen des Adlers bewahrt. Doch nun bin ich hier oben gefangen, alleine, ohne meine Jungfische. Ich werde einsam sterben.

Aber Du hast doch mich, antwortete der Steinbock. Ich bin dein Freund.

Danke, sagte der Fisch leise. Nach alledem, was ich zu dir gesagt habe, wie ich dich verletzt habe in meiner Überheblichkeit.

Schon gut, sagte der Steinbock. Ich war ja auch nicht gerade freundlich zu dir.

Und so verziehen sie sich gegenseitig.

Und seitdem sind der Steinbock und der Fisch ein Paar.

So ist es im Leben manchmal – so kommen Fische auf Berge und Steinböcke ans Wasser. Ohne den Adler aber wäre das alles nicht möglich.

Ende.

Bild von Anja🤗#helpinghands #solidarity#stays healthy🙏 auf Pixabay

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