Der Hamster Otto und sein Hamsterrad

Es war einmal ein Hamster. Sein Name war Otto. Ihm ging es gut. Er wurde gut gefüttert und hatte immer frisches Wasser zu trinken. Sein Käfig wurde regelmäßig gereinigt. Ab und zu wurde mit ihm sogar geschmust.

Und – er hatte sein Lieblings-Ding. Sein hellblaues Hamsterrad. In ihm lief er jeden Tag. Stundenlang. Er liebte es, wenn sein kleines Herzchen so richtig schlagen musste. Bis zu 400-mal pro Minute! Er liebte es, wenn er sich so richtig auspowern konnte. Er rannte und rannte, bis seine Muskeln brannten.

Eines Tages jedoch, mitten im Lauf, zerbrach das Hamsterrad. Hellblaue Plastikteile flogen in hohem Bogen durch den Käfig. Sie krachten schallend an die metallenen Gitterstäbe. Es klang ein wenig wie viel zu laute Musik.

Der Hamster fiel aus dem Rad und blieb keuchend auf dem Heuboden liegen. Oh, nein, dachte er, ich habe mein geliebtes Hamsterrad zerstört! Was soll ich den ganzen Tag jetzt nur machen?

Also schmiedete der Hamster einen Plan. Er würde das Rad reparieren!

Und so begann er, die scharfkantigen, hellblauen Plastikteile aufzusammeln und Teil für Teil zum Rad zu tragen. Ein ums andere mal versuchte er, die vielen Teile wieder an die richtigen Stellen zu bringen. Und ein ums andere Mal scheiterte er.

Er konnte das Rad nicht reparieren, erkannte er. Schließlich war er nur ein kleiner Hamster. Und von Klebstoffen hatte er noch nie gehört. Erschöpft fiel er wieder zu Boden. Er schlief ein. Und hatte einen Traum.

In diesem Traum war er frei. Er rannte über saftige grüne Wiesen, wühlte in duftender brauner Erde, traf freundliche Artgenossen, spielte mit ihnen. Und er verliebte sich sogar in eine wunderschöne Hamsterdame. Mann, dachte er, das fühlt sich so gut an! Das musste wahres Glück sein.

Schweißgebadet wachte er neben seinem kaputten Hamsterrad auf. Wie konnte ich nur so dumm sein und glauben, dass dieses bescheuerte Rad mich glücklich machen kann? Aber was konnte er tun? Er saß ja in einem metallenen Käfig mit seinem kaputten Hamsterrad gefangen?

Langsam stand er auf und schaute um sich. Sein Rücken tat ihm weh. Anscheinend hatte er sich doch beim Sturz aus dem Rad etwas verletzt. Hoffentlich nichts Schlimmeres, dachte er.

Da sprang ihm etwas ins Auge. Er hatte es früher nie gesehen – hinter der gläsernen Trinkflasche war das Gitter nicht aus Metall, sondern aus grünem Kunststoff. Warum habe ich das nie bemerkt?, fragte er sich. Obwohl ich zigtausende Male aus der Flasche getrunken habe? Warum sollte er auch. Schließlich war er ja glücklich und zufrieden gewesen, in seinem Käfig, mit seinem hellblauen Hamsterrad.

Doch jetzt war das Rad dahin und er sah die Welt mit anderen Augen.

Auf geht’s, Otto, sagte der Hamster zu sich. Denke an deinen Traum von den grünen saftigen Wiesen, der Freiheit und der wunderschönen Hamsterdame! Sagte es, und fing an am grünen Plastik neben der Trinkflasche zu nagen. Seine Zähne waren scharf – und nagen konnte er. Schließlich war er ein Nagetier. Da war das quasi angeboren.

Innerhalb einer Stunde hatte er das grüne Kunststoffgitter durchnagt und die gläserne Trinkflasche fiel krachend in den Käfig. Siehst du, dachte Otto, auch Katastrophen haben etwas Gutes in sich. Ohne, dass sein Hamsterrad zerbrochen war, hätte er nie verstanden, das Plastik überhaupt brechen kann. Ja, er wäre nicht mal auf die Idee gekommen! Er hatte sein hellblaues Hamsterrad für unzerstörbar gehalten. Tja, dachte er, so lernt man dazu.

Langsam zwängte sich Otto durch das offen in der Käfigwand klaffende Loch. Plumps, machte es, als er vom Tisch, auf dem der Käfig stand, auf den Fußboden fiel. Gottseidank haben die hier Teppichboden, dachte er, da fällt man weich. Otto der Hamster flitzte über den braun-grauen Teppichboden hin zur Terassentür, die offen stand. Glück muss man haben, dachte er.

Es war das Glück des Tüchtigen. Das Glück des Denkenden. Das Glück des Mutigen.

Er rannte quer über den Hof, hinter das Haus und direkt in die grüne Wiese hinein. Rennen konnte er gut, die Rückenschmerzen waren wie weggeblasen. Na ja, schließlich hatte er ja auch stundenlang jeden Tag in seinem hellblauen Hamsterrad trainiert.

Und so verschwand Otto im hohen Klee. Er lebt heute irgendwo da draußen – als freier Hamster. Vielleicht hat er sogar seine wunderschöne Hamsterdame gefunden – und ihr ein gemütliches Zuhause in der weichen Erde gebaut?

Wir wissen es nicht. Doch eines wissen wir ganz bestimmt. Er wird sein hellblaues Hamsterrad nicht vermissen.

(10.05.2021)

Bild von Christine Trewer auf Pixabay

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