Aus der WELT:

Die Ästhetik kennt den Begriff des Naturschönen, die Sozialhistorie könnte den Begriff des Natursozialistischen als Merkmal deutscher Kollektivmentalität einführen. Bei Umfragen rangieren hierzulande soziale Gleichheit und Gerechtigkeit jeweils vor dem Wert politischer Freiheit. Die Deutschen lieben den american way of life, aber der Liberalismus ist ihnen fremd. Dass die Freiheit bei uns, aber auch anderswo in Europa, wenig gilt, wird von der Frankfurter Soziologin Ulrike Ackermann in „Welche Freiheit?“ (Matthes & Seitz, Berlin. 319 S., 22,80 Euro) zu Recht bedauert. Um die Erkenntnis, dass sich unser angeblich postideologisches Zeitalter seit längerem reideologisiert, führt kein Weg mehr herum. Gut also, dass 17 Autoren der Frage nachgehen, was wir an der Freiheit haben und warum wir sie so wenig achten. Neben Ralf Dahrendorf, Wolfgang Sofsky oder Ian Buruma kommen mit den Ungarn Péter Nádas, Péter Esterházy sowie der Ukrainerin Oksana Sabuschko auch Ost- bzw. Ostmitteleuropäer zu Wort. Die nationale Vielfalt der Autoren wie der unterschiedlichen Genres ist ebenso bemerkenswert wie die politische Inkorrektheit des Sammelbandes. Ausdrücklich steht er in der angelsächsischen Tradition politischer und ökonomischer Freiheit wie deren Wertschätzung des Einzelnen. Antietatismus ist dabei ebenso sehr Tenor wie Antitotalitarismus. Zu Recht erinnert Ackermann an die vergessene Hochzeit der Freiheit um das Jahr 1989. Heute gelten individueller Gestaltungsraum, Risikobereitschaft und Eigenverantwortung als neoliberales Teufelszeug. Vater Staat ist nach wie vor der bevorzugte Glücksbringer. Dass es sich dabei so recht um deutsche Ideologie handelt, erfährt man aus den Beiträgen von Ralf Dahrendorf, Detmar Doering, Rainer Hank oder aus dem Essay des Iraners Ramin Jahanbegloo über den Freiheitsbegriff des politischen Philosophen Isaiah Berlin. Eine Lektüre nicht nur für alle Natursozialisten, die auf Parteitagen das Füllhorn staatlicher Wohltaten ausschütten.

http://www.welt.de/welt_print/article1501786/
Taschenbcher_der_Woche_Politische_Bcher.html 

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