Eine kleine Wissenschaftskritik oder Wissenschaft ist immer der gegenwärtige Stand des Irrtums

Stellen Sie sich vor, Sie sind Politiker, haben ein Problem, fragen Ihre besten Wissenschaftler im Staat nach Rat und… bekommen keinen. Das ist heute Alltag und die Politik ist zunehmend ratloser angesichts der steigenden Komplexität der Umwelt in der wir leben, und sie bekommt von der wissenschaftlichen Elite immer weniger konkrete Handlungsempfehlungen. Wie ist es dazu gekommen?

Seit dem Beginn der Neuzeit vor mehr als 500 Jahren hat die Wissenschaft eine beispiellose Karriere hingelegt: Von den neuzeitlichen Anfängen in den Universitäten von Paris und Prag, von der Scholastik der Wenigen, zu den Massenuniversitäten des späten 20. Jahrhunderts –  die Vermehrung des Wissens durch das systematische und institutionalisierte Forschen und Lehren hat der Menschheit unendlich viel Gutes gebracht. Auf der anderen Seite hat sie auch die Atombombe und das Tötungsgas Zyklon B hervorgebracht. Nichts desto trotz sind die Segen der Wissenschaft für die Menschheit geradezu ungeheuerlich positiv gewesen und haben unserer Spezies zu ungeahntem Wohlstand verholfen.

Wir wollen hier nicht über die Moral und die Wissenschaft im Allgemeinen diskutieren – dazu gibt es Lehrstühle und kilometerweise Regale in den Bibliotheken. Wir wollen uns nur kurz der politischen Wissenschaft und deren Methoden zuwenden, da diese a) Ihren Gegenstand aus den Sachgebieten dieses Buches beziehen und b) eben nicht eine Wissenschaft wie jede andere sein können. Letzteres möchte ich kurz begründen.

Die frühe Wissenschaft unterschied nicht in die modernen Paradigmen Erfahrung (=Empirie), Betrachtung (=Analyse) oder Sollen (=normative Theorien), oder die modernen Fachbereiche Natur-, Geistes-, und Sozialwissenschaften. Alles Wissen war eins – So entstanden auch die Summen der großen Denker des Mittelalters als Zusammenfassungen des damals gegenwärtigen Wissens. (siehe auch 1.2.3)

Nach der Wissensexplosion seit dem 17. Jahrhundert, spätestens aber seit der technisch-mechanischen Revolution des 19. Jahrhunderts mit seinen unendlich viel größeren Möglichkeiten, Wissen zu sammeln, zu ordnen und zu generieren ist es für den einzelnen Wissenschaftler unmöglich geworden, einen Überblick über alle Wissensbereiche zu erlangen. Mit Niklas Luhmanns Worten hat die funktionale Differenzierung, die übrigens in allen Gesellschaftsbereichen stattgefunden hat, auch und gerade in der Wissenschaft zu einer weitgehenden Spezialisierung der einzelnen Fach- und Sonderbereiche geführt.

Was in den Naturwissenschaften unbestreitbar von riesigem Vorteil ist – Deduktives, theoriegeleitetes Arbeiten, intersubjektive Überprüfbarkeit von Forschungsergebnissen und vor allem das Finden von Gesetzmäßigkeiten, Axiomen, die in der Natur wirken, scheint für die Geisteswissenschaften problematisch, wenn nicht gar unmöglich zu sein. Also hat sich in den letzten 100 Jahren des Wissenschaftszweig der Sozialwissenschaften herausgebildet, der, nomen est omen, die Erforschung des menschlichen Miteinanders zum Gegenstand hat. Dies soll, wie in den Naturwissenschaften, mit den Methoden derselben erfolgen, allerdings mit anderer Zielsetzung: Nicht die Funktionsweise des Natürlichen an sich soll verstanden werden, sondern das Menschliche Verhalten und dessen Ergebnisse. An manchen Stellen hört man das Wort von den Verhaltenswissenschaften auch heute noch.

Die Sozialwissenschaften überschneiden sich an einigen Stellen mit den anderen Forschungsparadigmen: In der Psychologie grenzen sie an die Naturwissenschaften, in der (empirischen) Literaturwissenschaft mehr als deutlich an die (klassischen) Geisteswissenschaften.

Nun aber zur Kritik. Die Sozialwissenschaften (hierzu zähle ich vor allem die Soziologie, die Psychologie, die Kommunikations- und Medienwissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften, die Politikwissenschaften und die Erziehungswissenschaften) haben den Anspruch erhoben, mittels mathematisch-deduktiven Methoden axiomatische Erkenntnisse über das menschliche Verhalten zu liefern. Das haben sie bis heute in keinem mir bekannten Fall geschafft.

Wir kennen bis heute kein sozialwissenschaftliches Axiom. Wir können menschliches Verhalten weder erklären noch prognostizieren. Somit sind zwei der wesentlichen Ansprüche der empirischen Sozialwissenschaften gescheitert. Was wir können, ist reine Deskription: Wir können Realitäten beschreiben. Und selbst das können wir nur mit Einschränkungen. Unsere statistischen Modelle erlauben kaum mehr als die Betrachtung von drei, vier Variablen – in Umgebungen, in denen hunderte, wenn nicht gar tausende Umgebungsvariablen permanent auf das Individuum einwirken – wo eine komplexe Umwelt auf das äußerst komplexe System „menschliches Bewusstsein“ wirkt.

Zu allem Überfluss hat sich die (deutsche) Sozialwissenschaft auch noch von der einzigen Methode verabschiedet, die überhaupt wahre Erkenntnisse liefern könnte. Aus der unbegründeten Ablehnung der induktiven Methode heraus ist das Experiment als Methode in den Sozialwissenschaften tot – anstelle von sinnvoller Reduktion von Komplexität durch die Abschottung von Systemen von der Umwelt, betet man sklavisch-deduktiv unverständliche Theorien der 68er-Generation auswendig vor sich her. Anstelle von intuitivem Forschergeist herrschen hierarchische Bürokratie, akademische Postenschacherei und recht erfolgreiche Arbeitsvermeidung.

Es hat sich ein grober akademischer Filz in den Instituten gebildet. Sie können nicht schnell genug auf eine sich immer schneller entwickelnde Umgebung reagieren. Die Bürokratie an den Universitäten verlangsamt das Tempo derselben so stark, dass wenn der geneigte Wissenschaftler seine Forschung bewilligt bekommt, andere längst sein Thema besetzt haben. Oder noch schlimmer, die zu erforschende Wirklichkeit schon viel weiter als sein Gegenstand ist.

Und so mutiert die Sozialwissenschaft mehr und mehr zur Erbsenzählerei mit Statistik-Software. Aus mangelhaft erhobenem Datenmaterial werden krampfhaft Korrelationen als belege für ex ante , natürlich theoriekonform, formulierte (Hypo)Thesen gesucht und leider auch gefunden. Mit Scheingenauigkeiten im Promillebereich werden „Ergebnisse“ verkündet, die, wenn man denn mal die Fehlertoleranzen nachrechnet, oftmals gar keine Validität aufweisen.

Die Statistik ist eine äußerst fragwürdige Angelegenheit – einerseits liefert sie an geeigneter Stelle durchaus wertvolle Hinweise auf Sachzusammenhänge. Andererseits sind in komplexeren Modellen die Start- und Randbedingungen oftmals so willkürlich gesetzt, dass bei deren auch nur leichter Veränderung ganz andere Ergebnisse zustande kommen.

Selbst wenn wir sie denn finden: Korrelationen sagen nichts über Kausalitäten aus. Ein Grundfehler, der immer wieder in der Rezeption von empirischen Forschungsergebnissen gemacht wird, ist die Konstruktion von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen aus statistischen Daten ohne die Regelmäßigkeit hinter der Korrelation zu kennen. Als hervorragendes Beispiel hierfür gilt die zur Zeit (2007) geführte Diskussion um Erderwärmung und Klimawandel – die Zahlen für Erdtemperatur und CO²-Gehalt in der Atmosphäre korrelieren zwar, doch während die einen Forscher die Ursache der Erwärmung im Kohlendioxid sehen, sehen andere in ihm die Wirkung der Erwärmung.

Wissenschaft ist immer der gegenwärtige Stand des Irrtums. Diesen Satz von Prof. Gerhard Maletzke nehmen wir gerne in unseren Ideenkatalog mit auf.

Doch zurück zur Politik. Die Politik als Normen setzendes Element einer Gesellschaft kann aus ihrer eigenen Definition heraus nicht nur analytisch betrieben werden. Wenn es um Wertenscheidungen geht, muss die Politik aus moralischen, ethischen und(!) analytischen Überlegungen heraus Entscheidungen fällen (können). Die Politik jedoch bezieht ihre Entscheidungsgrundlagen zum einen aus der Lebenswirklichkeit des Alltags der Menschen, zum anderen aber aus der Wissenschaft – vornehmlich aus den Sozialwissenschaften, die mit mannigfaltigen Kommissionen, Berichten, Gutachten und Stellungnahmen am politischen Prozess beteiligt sind.

Ein empirisches Wissenschaftsverständnis impliziert das Paradigma der „Wertneutralität“. Sie verneint einen moralisch-ethischen, wertenden Beitrag des Wissenschaftlers zu seinen Forschungsergebnissen. Es wird lediglich die normative Auswahl des Forschungsgegenstandes dem Forscher zugestanden. Das finde ich falsch. So versteckt sich die Sozialforschung hinter dem Objektivitätspostulat und entgeht ihrer Verantwortung, die sie mit ihrer weitgehenden Forschungs-Freiheit per Grundgesetz Art 5(3)* verliehen bekommen hat.

Jeder Wissenschaftler soll und muss sich Gedanken darüber machen, ob seine Forschung, seine Methoden und seine Ergebnisse mit den geltenden Normen übereinstimmen oder nicht. Sonst legitimiert sich die Forschung in Auschwitz im Nachhinein genauso wie die Konstruktion der Atomwaffe.

Es darf keine gewissenlose Forschung geben, weil es keine gewissenlose Gesellschaft geben darf. Dies ist keine willkürliche Setzung – wie wir gelernt haben, dienen Regulative immer dem Schutz der Gesellschaft für Willkür – so auch hier: Der Schutz vor der Willkür des Wissenschaftlers muss zunächst durch sein Gewissen reguliert werden – wenn das nicht reicht, muss eine weiter Kontrolle durch Organe des Gemeinwesens erfolgen. Wir erinnern uns an die Checks und Balances der Amerikaner.

Objektive Wissenschaft, und darüber ließen sich Bücher füllen, ist meines Erachtens unmöglich – und weitestgehend auch unnötig, denn der Wissenschaftler muss seine Forschung sowieso verteidigen und ihm bleiben in Zeiten der nahezu beliebigen Manipulation von Daten und Methoden sowieso genügend Wege und Mittel, Positionen zu verstecken. Wenn dem so ist, dann sollte man das gleich offen tun, anstelle immer wieder sich hinter hohlen Phrasen der „Wertneutralität“ zu verstecken.

Das gilt natürlich vor allem für die politischen Wissenschaften, die im Zuge der Amerikanisierung der letzen Jahre viel von ihrer normativen Kraft verloren haben. Anstelle von Modellbildung und Staatskonstruktion ist Analyse des Bestehenden und das Zählen von Regierungsformen getreten. Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde – wir brauchen beides, aber eben beides und nicht nur die endlosen Zahlenkolonnen der Demoskopen, die dann bei der nächsten Wahl es nicht annähernd schaffen, genaue Prognosen über den Wahlausgang abzugeben.**

Wir brauchen also, ganz normativ, Forschung für einen besseren Staat. Forschung, die mit Wissenschaftlern besetzt ist, die einen Namen tragen, die eine Meinung haben und zu dieser auch stehen. Möge dann der Wettbewerb über die besten Ideen entscheiden. Nur so kann der Fortschritt des Gemeinwesens sichergestellt werden und nur so können die sich wandelnden Wertebasen immer wieder in die politische Diskussion mit eingebunden werden.

* Art 5 (3) GG: “Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

**So wurde in Finnland nach der Parlamentswahl im März 2007 nach falschen Prognosen die Veröffentlichung von Wahlprognosen vor der Wahl gestoppt.

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