Da wir nun am Beginn der Neuzeit angekommen sind, beginnt sich im 14. Jahrhundert ein seit der griechischen Antike schwelender Streit zuzuspitzen – der so genannte Universalienstreit. Universalien sind, kurz gesagt, Begriffe die Allgemeines aussagen. Als Universalien wurden im Laufe der Diskussionen sehr unterschiedliche gedankliche Prinzipien gekennzeichnet. Neben den Ideen Platons waren dies vor allem Regeln, Tugenden, Kategorien oder Werte.

Wilhelm von Ockham begründete eine neue Denkrichtung in der Philosophie: Die Nominalisten. Entscheidend für das Denken vor Ockham war die Annahme, dass verallgemeinernde Begriffe ante rem also vor ihrer Ausprägung existieren können – Platons Ideenlehre ist das wohl berühmteste Beispiel hierfür. Bei Platon existiert der Mensch, weil es eine Menschheit gibt, zu der er gehören kann.Der Nominalismus (lateinisch nomen = Name) ist der grundsätzlichen Auffassung, dass alle Allgemeinbegriffe gedankliche Abstraktionen sind, die als Bezeichnungen von Menschen gebildet werden. Dagegen ist der Realismus die Position die von der Existenz abstrakter Entitäten ausgeht, auch die Platons, der davon ausging, dass Ideen eine eigenständige Existenz haben.  Da der Nominalismus die historisch neuere Position ist, entstand im Mittelalter auch die Bezeichnung Via moderna, während die entgegengesetzte Position Via antiqua genannt wird.

Aristoteles stellte mit seinen Kategorien ein differenzierteres System zur Einordnung von Begriffen auf und stellte sozusagen Platon auf den Kopf: Bei Aristoteles war das Allgemeine vom Speziellen abhängig – keine Menschheit ohne Mensch, sozusagen. Weiterhin behält Aristoteles die ontologische Prämisse bei, dass die Relation zwischen den Dingen und den Verallgemeinerungen per se ist und das sie abhängig ist.

Die Nominalisten versuchten den Organon des Aristoteles vom Metaphysischen zu lösen, indem sie die ontologische Setzung der Abhängigkeit von Gegenstand und Kategorie lösen. Sie stellen fest, dass das Verallgemeinernde an sich ist und als Namen für das Viele dient. Es gibt also das universale ante rem nur in der göttlichen Schöpfung, nicht aber in der Wissenschaft.

Wilhelm von Ockham gilt als ein herausragender Vertreter eines differenzierteren Nominalismus, der die Frage der Universalien mit zeichentheoretischen Überlegungen verband und insofern auf die moderne Sprachlogik verwies. Realität hatten für Ockham nur Einzeldinge.

Die Allgemeinbegriffe haben keine eigene Existenz, sondern sind nur die Summe der gedachten Dinge. Begriffe entstehen zunächst unabhängig von der gesprochenen und geschriebenen Sprache im Geist (conceptus mentis) und dienen der Bezeichnung (significatio) der extramentalen Dinge. Die Grundlage für Sprachlaute und Schrift ist die Vereinbarung ihrer Bedeutung als Zeichen.

Allgemeinbegriffe werden allein im Geist gebildet und dienen als Zeichen, die auf mehrere Dinge verweisen können. Soweit sich Allgemeinbegriffe nicht auf Dinge beziehen, sind sie Zeichen von Zeichen. Als Zeichen stehen Begriffe für etwas, wobei sich die Bedeutung aus dem Satzzusammenhang ergibt. Je nachdem, ob man sagt, „ein Mensch rennt“, „Mensch ist eine Art“ oder „Mensch ist eine Bezeichnung“, hat das Wort Mensch einen anderen Sinn.

Die zunehmende Abkehr vom Realismus im Lauf des Spätmittelalters bedeutete zugleich eine Emanzipation von Autoritäten, die das Göttliche für sich in Anspruch nehmen. In diesem Sinne förderte der Nominalismus die Naturwissenschaften und den säkularen Staat.

Warum ist dieser Streit so wichtig? Nun, zunächst einmal ist er bis heute nicht abschließend ausgetragen. Zweitens scheint das Verständnis von Kategorien, bzw. deren möglichen Ursachen die Wurzel des menschlichen Denkens zu berühren. Nicht nur die wissenschaftliche Position eines Autors hängt maßgeblich von seiner Auffassung gegenüber dem Absoluten ab sondern auch seine Möglichkeiten, Machtkonzepte zu erarbeiten.

Im Grunde geht es beim Universalienstreit um die Schöpfungsfrage – ist die Welt gott-, oder menschengemacht? Sind Freiheit, Recht und das Gute tatsächlich existent, sind sie gemacht oder gegeben? Wir tendieren zwar heute zur nominalistischen Position und stellen mehr und mehr das Menschengemachte in den Vordergrund – neue Technologien in der Biotechnik erlauben uns Schöpfungsakte von nie da gewesener Qualität. Bei Platon gab es keine Idee für Genmais. Dennoch wollen wir die „natürlichen“ Menschenrechte in die Europäische Verfassung schreiben, womöglich noch mit einem Gottesbezug.

Ich plädiere heftig dafür, endlich die Menschenrechte nicht als gottgegeben, sondern als geschichtlich von Menschen mit Anstrengung entwickelt zu betrachten. Wir haben uns die Würde des Menschen gegeben. Sie ist keinesfalls ante rem vorhanden, wie wir in vielen Krisenregionen ja bedauerlicherweise sehen können.

Wenn Universalien (im Sinne von Menschenrechten, Verfassungswerten etc.) ewig sind, dann bedeutet deren Aufrechterhaltung keine Anstrengung. Das ist falsch. Universalien sind nicht statisch, sie sind Produkt menschlichen Denkens, unseres Geistes Kinder und sie erfordern Pflege, wie Kinder es eben tun.

Nun mag der Leser fragen, wo Gott bei diesem Denkmodell bleibt. Nun, ich glaube fest daran, dass das, was wir als Gott bezeichnen sehr viel größer, komplexer und mächtiger ist, als der Streit um menschliche Werte. Die geistige Entität, die in der Lage ist, ein Universum in der uns heute bekannten Komplexität zu schaffen, mit Milliarden von Sonnensystemen und wahrscheinlich Tausenden von Lebensformen, hat wahrlich kein Problem damit, unsere Wertvorstellungen uns Menschen zu überlassen. Was wir mit unserem Geist machen, ist alleine unsere Sache. Und leider sind wir darin bislang noch nicht wirklich gut gewesen.

Er hat uns den Geist gegeben, die Fähigkeit, zu Denken, Abstraktionen zu verstehen, sogar die unserer eigenen Entstehung. Evolution spricht nicht gegen Gott, im Gegenteil: Er hat sie doch erschaffen! Ich halte es mit den Nominalisten: Es gibt ein(!) ante rem. Heute heißt es Urknall, gestern hieß es Gottesherrschaft, morgen heißt es wieder etwas anderes. Gott ist für mich der Grund allen Seins. Die Ursache.

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