MarsiliusMarsilius von Padua (geboren ca. 1290 in Padua; gestorben ca. 1342 in München) war Staatstheoretiker, Politiker und Vertreter des scholastischen Aristotelismus. Er studierte die Artes und Medizin in Paris und war dort als Dozent und kurzzeitig als Rektor der Pariser Artistenuniversität tätig. Während seiner Studienzeit betätigte er sich nebenbei als Politiker.

Der Defensor Pacis (Verteidiger des Friedens) ist das bedeutendste Werk des Marsilius von Padua. Er vollendete es 1324 und setzte sich wegen der Ansichten, die er vertrat, der erbitterten Verfolgung der Inquisition aus und floh schließlich nach München. Der Verteidiger des Friedens ist als Gegenposition zu Dantes Monarchia konzipiert und enthält einige sehr fortschrittlich klingende Elemente.

Marsilius fordert im Defensor Pacis die Souveränität des Volkes. Die Gesetze sollen vom Volk direkt selbst beschlossen werden, und nur wenn das aus praktischen Gründen in bestimmten Fällen nicht möglich ist, soll das Volk die Gesetzgeber bestimmen. Doch auch die Vorschläge des so beauftragten Gesetzgebers müssen dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden. Ausschlaggebend ist bei allen genannten Entscheidungen der Wille der Mehrheit.

Zusätzlich müssen Gesetzesänderungen jedweder Form vom Volk autorisiert und die Gesetze veröffentlicht und so dem Volk zugänglich gemacht werden. Zur Begründung dieser Form der Volkssouveränität führt Marsilius an, dass nur derjenige Gesetze machen soll, der diese Aufgabe am besten erfüllen kann. Da die Mehrheit des Volkes aber am besten weiß, was für ihr Zusammenleben gut oder schlecht ist, macht sie notwendigerweise auch die besten Gesetze. Außerdem ist die Einhaltung der Gesetze am ehesten wahrscheinlich, wenn sie von Vornherein von der Zustimmung der Mehrheit getragen werden.

Zusätzlich zur legislativen Gewalt kommt dem Volk die Aufgabe zu diejenigen, die ihre Gesetze übertreten, zu bestrafen. Eine Judikative kannte Marsilius alsi noch nicht.

Mit dem „Verteidiger des Friedens“ wendet sich Marsilius radikal gegen den Papst, da seine Macht in keiner Weise durch das Volk legitimiert sei und er daher den Frieden störe.

Der Sicherung des Friedens ist eines von Marsilius’ Hauptthemen. Er führt dafür einige Prämissen an, die uns auch relativ modern vorkommen:

  • die individuelle Bedürfnisbefriedigung sichert den Wohlstand
  • der Staat als Ergebnis des individuellen Nutzendenkens
  • die Trennung von Kirche und Staat
  • die (unvollständige) Gewaltenteilung.

Allerdings behält er die Ständegesellschaft bei, bei der die Stände mit unterschiedlichem Gewicht an der Regierungsbildung teilnehmen. Jedoch das Prinzip, dass das Volk mit Mehrheit eine Gesetzgebung wählt, die wiederum eine Regierung wählt, die wiederum an Gesetze gebunden ist und diese ausführt, ist Grundlage unseres heutigen Staatssystems.

Genauso wie das von Marsilius entwickelte Rechtsverständnis: Das Recht ist menschengemacht, das Ergebnis politischer Entscheidungen, es erlangt Gültigkeit durch Schriftform, also positiv. Marsilius ist also Begründer des Rechtspositivismus. Der Staat hat das Monopol auf Rechtsetzung (und nicht etwa die Kirche, wie damals üblich!) und Sanktionierung von Rechtsverstößen.

Wie fortschrittlich die Gedanken des Marsilius und seines Freundes Wilhelm von Ockham waren, zeigt sich in der so genannten Konzilbewegung – Sie arbeiteten eine demokratische Methode zur Wahl von kirchlichen Konzilien aus, die dann mit Mehrheit über Glaubensfragen entscheiden sollten. Das hat die katholische Kirche bis heute nicht geschafft.

Auf dem Gebiet der Weltpolitik war Marsilius nicht so weitsichtig wie Dante: Er beließ es beim Konzept der Nationalstaaten, welches sich auch tragischerweise durchsetzen sollte.

Zusammenfassend bietet die Zeit des großen Schismas also des Kampfes zwischen der weltlichen Macht des Kaisertums und der kirchlichen Macht des Papstes im 14. und 15. Jahrhundert den Denkern die Möglichkeit, sich grundlegende Fragen zu stellen und die Fundamente des Religionsstaates anzugreifen. So schreibt zum Beispiel Wilhelm von Ockham über die, durchaus heute noch aktuelle Frage, ob denn ein Mensch überhaupt das Göttliche auf Erden repräsentieren könne, oder die etwas veraltete Frage, ob weltliche Macht denn göttlich legitimiert werden könne.

Wilhelm von Ockham hat eine bis in die heutige Zeit gültige Setzung in der Logik hervorgebracht, die auch in der modernen Wissenschaftstheorie und in der Datenmodellierung eine Rolle spielt: Sie nennt sich Ockhams Rasiermesser. Der Satz lautet: Entitäten sollen nicht unnötig vermehrt werden. Er findet sich so zwar nicht in Ockhams Schriften, dort aber steht er ungefähr so: „Es ist unnütz, etwas mit mehr zu tun, was auch mit weniger getan werden kann“. Ein Mathematiklehrer von mir, der übrigens in der Euklidik eine Kapazität war, hat es einmal so formuliert: „Der Blöde arbeitet viel, der Gescheite schafft’s auch mit weniger. Wie dem auch sei, wir sehen, dass das moderne Kosten-Nutzen-Kalkül auch den Herren am Beginne der Neuzeit durchaus nicht fremd war.

Das Ockhamsche Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft fordert, dass man in (wissenschaftlichen) Hypothesen nicht mehr Annahmen einführt, als tatsächlich benötigt werden, um einen bestimmten Sachverhalt zu beschreiben und empirisch nachprüfbare Voraussagen zu treffen. Hypothesen mit wenigen Annahmen sind eben einfacher zu falsifizieren als komplexe Hypothesen. Der Zusatz „Rasiermesser“ ist als Metapher zu verstehen: Die einfachste Erklärung ist vorzuziehen, alle anderen Theorien werden wie mit einem Rasiermesser wegrasiert.

Ockhams Rasiermesser ist heute ein Grundprinzip der wissenschaftlichen Methodik. Ein naher Verwandter ist das KISS-Prinzip, welches weder etwas mit Rockmusik, noch mit romantischen Beziehungen zu tun hat, es lautet: Keep it simple, stupid. ((Das KISS-Prinzip ist auch im Bereich der Informatik zu finden, wird aber inzwischen immer häufiger im allgemeinen Zusammenhang mit komplexen Planungsaufgaben und im Marketing verwendet. Dieses Designprinzip beschreibt die möglichst einfache, minimalistische, sowie im Nachhinein leicht verständliche Lösung eines Problems, welche meistens als die optimale Lösung angesehen wird. ))

Wichtig ist Ockhams Rasiermesser in der logischen Deduktion: Die Minimierung von Variablen in Komplexen Systemen trägt entscheidend zur Präzision von Modellberechnungen bei. Überhaupt ist ja unsere These in diesem Buch, dass die größte menschliche Leistung die Abstraktion ist – und Abstraktion ist nichts anderes als das systematische Eliminieren von störenden Variablen aus der komplexen Umwelt, um wesentliche Wirkungszusammenhänge erkennen zu können.

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