Die Schule von Athen (wikipedia.de)Die griechische Antike hat in großen Teilen die Entwicklung unseres westlich-abendländischen Denkens bestimmt. Die fundamentalen Grundlagen unseres Staatswesens – Rationalität, also Vernunftherrschaft, Demokratie – also Volksherrschaft, das Mehrheitsprinzip, das Ämterprinzip, die Geldwirtschaft – alles Fundamente, die sich in der griechischen Polis begründen.

Auch unser wissenschaftliches Denken wird von den Griechen bestimmt: Logik, Deduktionsprinzip, Mathematik und Geometrie – Letztendlich die Fähigkeit, aus der Lebenswirklichkeit Prinzipien abzuleiten, haben wir der Antike zu verdanken. Die Methode der Abstraktion, die auch für dieses Buch von so immanenter Wichtigkeit ist, wurde entdeckt. Die Erforschung des menschlichen Geistes, seine Differenzierung vom Tierischen, die Debatte über das Gute und Gerechte und letztendlich die Frage nach der Unsterblichkeit und Gott bereiten den Weg für alle weitere Entwicklung.

Die griechische Antike stellt ohne Zweifel eine der bedeutsamsten Phasen der Menschheitsentwicklung dar. Ohne sie wäre keine moderne Gesellschaft denkbar. Natürlich hatte auch die Polis ihre Fehler – Sklavenhaltung, Todesstrafe, Frauenverachtung, eine unglaubliche Brutalität und determinierte Schichtenbildung sind nicht gerade die Merkmale einer Gesellschaft, die wir uns heute wünschen.

Aber es gilt festzuhalten, dass das Prinzip der Staatsbildung in den Poleis, und nur dort, frei diskutiert werden konnte. Geistiger Fortschritt braucht immer Freiräume. Nur dort, wo ohne Angst um die eigene Existenz und ohne Diskriminierung durch Herkunft gedacht werden kann – nur dort entwickeln sich Ideen, deren tragweite unter Umständen erst in tausenden von Jahren verwirklicht werden können.

Aufgabe des Politischen muss also sein, diese akademischen Freiräume zu schaffen und zu sichern, diese von der Machtpolitik und der Geldwirtschaft zu lösen und somit die Bedingungen der griechischen Polis, wenn nicht herzustellen, dann zumindest nachzuahmen. Konkret bedeutet dies: Stipendiensysteme für begabte, freie Universitäten und finanziell unabhängige Denkräume.

Doch genug der Predigt: Aus den Philosophien der Griechen resultiert ein Staatsbild, welches unserem Gemeinwesen als Vorlage diente; noch heute haben wir die Polizei und wir argumentieren politisch. Natürlich hat sich die Demokratie im Laufe der Jahrhunderte weiter zu ihrer heutigen Form entwickelt. Doch die Grundlagen des Denkmodells des modernen Staates sind, übrigens im Guten wie im Bösen, in den Staatsmodellen des Platon zu finden. Daran hat auch 2500 Jahre Geschichte wenig zu ändern vermocht.

Allerdings hat sich eines gezeigt: Das positive Menschenbild der griechischen Philosophen war nicht aufrecht zu erhalten. Alle Staatsformen, die Bestand hatten, begründen sich auf das negative Menschenbild der Antike – heutzutage würden wir vielleicht eher von einem „realistischen“ Menschenbild sprechen (müssen).

Es hat sich also die Notwendigkeit zur Herrschaft des Gesetzes vor der Tugend, ganz empirisch, gezeigt. Bemerkenswert ist hierbei zum Beispiel die aktuelle Diskussion um die Oligarchie in Russland: Die Bedingungen und Konsequenzen einer solchen können wir bei Aristoteles direkt nachlesen – eigentlich müsste sich aus der Erfahrung des Politischen jegliche Diskussion zu dem Thema erübrigt haben. Aber das kollektive Gedächtnis der Menschheit scheint ein eher schlechtes zu sein.

Unser Ideenkorb ist also mit den Vorstellungen der griechischen Philosophen prall gefüllt – immerhin hatten diese auch 400 Jahre Zeit, sie zu entwickeln. Wir müssen auch den Überlieferern dieser Schriften dankbar sein – manchmal beschleicht einen der Gedanke an all das, was uns nicht überliefert wurde… zum Beispiel beim Brand der Bibliothek in Alexandria. Weiterhin finde ich es erstaunlich, dass so vieles an Gedanklichem von einzelnen Personen in der Weltgeschichte abhängen kann – Aristoteles war die bestimmende Größe in über tausend Jahren Staatskunde.

Ironischerweise verdanken wir seine Überlieferung den arabischen Philosophen. Der Kalif al-Ma’mun gründete 830 das Haus der Weisheit, ein offizielles Übersetzungs- und Forschungsinstitut, dem eine Bibliothek angegliedert war, Hunayn ibn Ishaq, übersetzte mit seiner Methode u.a. Platon, Aristoteles und Euklid. Auch war etwa Platons Philosophie Vorbild für das politische Denken der Philosophenal-Farabi und Averroes (Walid Mohammad ibn Ahmed ibn Mohammed ibn Rushd), den später Thomas von Aquin häufig bemüht.

Zusammenfassend können wir aus der griechischen Polis folgendes für unser kleines Gedankenexperiment mitnehmen:

  • Der Mensch ist in der Lage, Dinge mit seinem Verstand zu erkennen.
  • Er kann von der Wirklichkeit auf Ursachen schließen, er versteht also einen (einfachen) Ursache-Wirkungs-Zusammenhang (Kausalitätsprinzip)
  • Es gibt universelle, allgemeingültige, abstrakte Regeln, die die Wirklichkeit erklären können und die Prognosekraft haben (z.B. die mathematischen Sätze)
  • Es gibt einen allgemeinen Seinsgrund. Wir nennen ihn Gott.
  • Der Mensch ist ein soziales Wesen – Menschsein muss erlernt werden. Also ist eine staatliche Erziehung (=Bildung) unabdingbar.
  • Der Mensch als soziales Wesen bildet ethische und moralische Sätze. Er hat also eine Vorstellung von Gut und Böse, von Gerechtigkeit und Recht.
  • Diese normativen Sätze können (und sollen) Staatsprinzipien sein. Also müssen sie kodifiziert werden und somit verbindlich und allgemeingültig. (Verfassung)
  • Ein Staat braucht Herrschaft, ansonsten versinkt er in Anarchie.
  • Die Herrschaft des Gesetzes ist die beste Herrschaft. (Abstraktion)
  • Die Gesetze werden vom Volk bestimmt (Demokratie)
  • Überschreitungen der Gesetze müssen geahndet werden, also braucht das Gesetz eine Repräsentation. (Justiz)
  • Das Volk repräsentiert die Gesetze (Geschworenengerichte und Laienrichter)
  • Die Gesetze müssen überwacht werden (Polizei)
  • Die Gesetze müssen verteidigt werden (Armee)
  • Ämter müssen für alle offen stehen und bezahlt werden.

Wir sehen also, dass ziemlich viele Elemente eines modernen Staates aus der Polis zu rekonstruieren sind. Natürlich sind diese Elemente de facto in der Polis nie gemeinsam aufgetreten. Wir sind einfach so frei und picken uns die Rosinen aus dem Kuchen. Das tun wir sogar mit gutem Gewissen , denn noch unterliegen wir keinem protestantischen Arbeitsethos 😉

Was nach der griechischen Antike folgt, ist eine Zeit der Machtpolitik – ein Konzept, welches die Stadtstaaten wenig beschäftigt hat, schließlich hatten sie auch nie die Probleme einer Großmacht zu bearbeiten. Das ändert sich mit dem Reich Alexanders des Großen und gipfelt in der Weltmacht Rom. Es entwickelt sich ein ganz anderer Staat – der Untertanenstaat. Diesen wollen wir als nächstes etwas näher beleuchten.

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