Der Esel

Knarrend, schiebt sich der alte Karren den steilen Berg hinauf. Langsam ist er geworden, der alte Esel, der ihn zieht. Und ein wenig störrisch, wie es im Alter halt so ist.

Schwer beladen, mit Fässern voller altem Wein, voll mit Lebensfreude. Die er auf den Markt bringen würde, um den Menschen etwas Glück zu schenken.

Wie die rauschenden Wellen am Meer den rauen Felsen höhlten, so musste er diesen steinigen Weg gehen. Tag für Tag. Immer wieder aufs Neue, um den Menschen Freude zu bringen.

Und er würde es tun, Tag für Tag. Immer langsamer werdend. Bis – eines Tages – er einfach stehen bliebe. Störrisch und trotzig.

Denn eines Tages würden die Schmerzen zu groß sein, und die Peitschenhiebe und wütenden Schreie des Bauern sinn-, und wirkungslos verhallen.

Dann würde seine Arbeit getan sein. Und er könnte endlich ruhen. Doch bis dahin tut er Schritt für Schritt, Tritt für Tritt. Genügsam und leise. Aber eben langsam.

Dann endlich, erreicht er den Gipfel des steilen Bergs. Jetzt war es einfach. Hinunter zum Markt. Zu den Menschen. Der Bauer würde seinen Wein verkaufen, mit ihnen trinken und feiern. Der Esel würde warten, geduldig wie immer. Angeleint, abgeschoben.

Vielleicht würden sie ihm ein wenig Futter und Wasser geben, vielleicht auch nicht. Es war mal so und mal so. Immerhin musste er nur den leeren Wagen den steilen Berg wieder hinaufziehen. Und nächste Woche würde sich alles genau so wieder abspielen.

Was bin ich, dachte sich der Esel? Ich bringe den Menschen Glück und werde dafür geknechtet. Bin ja froh, wenn man mir ab und zu eine Karotte vor die Nase hält.

Aber irgendwann bleibe ich einfach stehen. Ich leiste Widerstand. Egal, wie sich mich prügeln. Ich werde nicht mehr weitergehen. Und andere bedienen. Nein.

Dachte es, da kam der Bauer, legte ihm die Zügel an. Und der Esel trabte wieder. Weil er nicht anders konnte.

Dann, eines Tages, blieb er einfach stehen. Es war ihm zu viel. Er konnte nicht mehr.

Der Bauer peitschte ihn nach Hause in den Stall. Er wurde abgehalftert, an ein Seil angebunden. Der Bauer ging zu seiner Familie, glücklich über seinen Erfolg auf dem Markt. Freude war da, Gesang und Glück. Der Esel bekam, wie immer, nichts.

Das Seil war dünn. Und der Esel bekam es zu fassen. Geduldig, wie er war, kaute er darauf. Und dann plötzlich riss das Seil – und er war frei. WOW! Dachte sich der Esel und trabte langsam aus dem Stall auf die Weide. Und rannte! Er? Der alte Esel? Ja. Rannte, weg von den Unterdrückern. Hin zu seiner Eselin, die er seit Jahren bewundert hatte.

Und seitdem läuft der alte Esel mit junger Seele glücklich durch die steinigen Berge. Mit seiner Stute, seiner Familie. Der Bauer sucht ihn immer noch. Aber der Esel wird sich niemals mehr knechten lassen.

(5.5.21) Für Anna.

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