Wie gut werden Sie informiert?

Es ist Mittwoch Abend, nein, früher Donnerstagmorgen. 0.38 Uhr. Ich surfe durch meine Lieblings-Nachrichtensites um mir meinen letzten Shot für heute zu holen. Für Nachrichten-Junkies wie mich leben wir ja heutzutage im Schlaraffenland – Echtzeit-News zu allem, was man wissen will (oder auch nicht) – immer verfügbar, blitzschnell.

So informiere ich mich über den Stand der Gefechte in Tripolis, die Reaktionen auf das Kopfgeld, welches auf Gaddafi ausgesetzt wurde, unterhalte mich auf Twitter über chinesische Dollar-Reserven und rege mich über Lanz im ZDF auf, der sich über Jugendliche aufregt, die als Hobby „Facebook“ angeben.

Da trudelt auf Twitter die @Reuters-Meldung ein: „Steve Jobs resigns as CEO of Apple„. Ufff. Sofort klicke ich auf „retweet“. Da war die Meldung 53 Sekunden alt.

Das ZDF dudelt irgendwo im Hintergrund. Ja, Fernsehen ist bei mir zum reinen Hintergrundmedium geworden. Ein reines TV-Gerät besitze ich seit zehn Jahren nicht mehr. Ein älterer PC mit Satellitenkarte dient als Dudel-Gerät – neuerdings mit Ubuntu-Linux, seitdem die lahme Gurke mit Windows XP immer öfter ihren Dienst verweigert.

Aber fürs öffentlich-rechtliche Langweil-TV reicht’s allemal. Da läuft bei mir abends meistens das ZDF oder 3Sat oder arte, einsextra oder der ZDF-Infokanal. Seltener Phoenix. Tagsüber n-tv oder n24 und nachts, ganz wichtig, immer CNN. Und seit ein paar Monaten auch Aljazeera – seit dem „Arabischen Frühling“ mausert sich der Katari-Sender, bestückt mit abgekauften BBC-Altmoderatoren zur recht seriösen Alternative. Und in Sachen Libyen, Tunesien und Ägypten ist Aljazeera ja praktisch unschlagbar.

Meine News-Junkie-Karriere begann recht früh. Immer haben mich Nachrichten interessiert – in meiner Kindheit erinnere ich mich an Francos Tod und die KSZE-Konferenz in Helsinki. Es gab nur Schwarzweiß-Bilder und nichts war live. Das änderte sich erst in den 1980-Jahren mit dem Satelliten-TV. Vorher saß ich nachts am heiß geliebten Grundig Weltempfänger und hörte nächtelang Kurzwellensender aus aller Welt. Dabei habe ich Englisch gelernt, zwangsläufig. Und ich erinnere mich an die DDR-Chiffre-Sender: eins echo drei sieben vier vier…

Ich schweife ab. Entschuldigung – das liegt wohl am Alter. Man wird mit der Zeit ein wenig nostalgisch. Und etwas zynisch.

Die nächste Sternstunde meiner News-Junkie-Karriere war die Deutsche Einheit. Zu der Zeit lebte ich 2000km weit weg in Finnland – und konnte das Unfassbare nur über Mittelwellen-Radio und Satelliten-Fernsehen verfolgen. Wissen Sie, ich hatte immer eine deutsche Flagge an der Wand, im Schlafzimmer. Und ein Bild von Uhlbach. Seltsam – heute hängt eine finnische Fahne in meinem Flur. Eine Art Fremdheits-Patriotismus wahrscheinlich. Man hat immer Sehnsucht nach dem Anderen. Doppelstaatler-Schicksal. Sic.

1991 war eine weitere Sternstunde meines Newsjunkie-Daseins – Ich glaube die erste richtig harte Droge. Konter-Revolution in Moskau. Mann, mann, mann. Live auf CNN zugucken, wie Sowjetpanzer das Parlament beschießen. Live! Panzer! In Moskau! Das war harter Stoff, den es noch 12 Monate vorher niemals gegeben hätte.

Wissen Sie, ich war nämlich da. In Leningrad, 1987. Ich war auch in der „echten“ DDR. Ich habe im Intershop meine D-Mark verteilt. Ich habe Rubel auf dem Marktplatz in Vyborg verschenkt. Ich habe mich „reich“ gefühlt, im real existierenden Elend des Kommunismus.

Und war gottfroh, wieder raus gekommen zu sein. Ich werde die flehenden Blicke der Bedienung an der Raststätte irgendwo an der Transit-Autobahn nicht vergessen, als ich ihr fünf D-Mark in die Hand drückte. Ich hoffe, dass die Stasi-Leute, die uns an dem ganzen Tag verfolgten, sie ihr nicht weggenommen haben.

News – das hatten die Menschen im Ostblock nicht. Und nun, 1991 das: Live Bürger-Krieg aus Moskau. Eine, meine Erweckung.

Seitdem gibt es keine Pause mehr in meinem News-Stream. Computer-Freak war ich seit den 80ern. Ab 1993 kam Compuserve dazu, AOL, das WWW. WOW! Ich war begeistert. Und machte mein Hobby gleich zum Beruf. Ich las die „Byte“ und die c’t, lernte Programmieren – und tue das bis heute.

Apropos heute. Ich will Sie ja nun wirklich nicht langweilen. Heute dann, wie gesagt bei meiner Abendlektüre der von mir regelmäßig gelesenen zirka zehn Online-Zeitungen, flattert diese Meldung über Twitter herein.

Ich liebe ja Twitter – das ultimative Beschaffungstool für uns News-Junkies. Nichts ist schneller, nichts ist härter, nichts ist unzensierter, subjektiver, parteilicher, missbrauchter. Aber auch nichts ist ehrlicher. Und nichts ist besser.

Natürlich bleibt es jedem Nutzer von Twitter selbst überlassen, wem er folgt. Oder wen er „followed“ wie es auf Nerd-Deutsch heißt. Sie können sich alles über Kim Kardashians Schönheits-Operationen ins Haus holen. Oder über Michelle Obamas Kleider. Aber eben auch Gleichgesinnte finden, Kontakte pflegen. Und eben Echtzeit-News erhalten.

Twitter entlarvt schonungslos sowohl arabische Despoten-Regierungen wie schlafende öffentlich-rechtliche Nachrichtenanstalten. Und genau hier setze meine kleine, völlig unrepräsentative empirische Untersuchung an jenem Abend ein.

Ach ja, ich vergaß. Nach meinem nachgeholten Abitur – meine finnischen Schulabschlüsse waren den deutschen Besserwisser-Bürokraten ja nicht gut genug – Sie ahnen, wie oft ich mittlerweile nach PISA über diesen Sachverhalt schon lauthals gelacht, ja wirklich gelacht, habe – habe ich die Medien auch universitär studiert. Also bin ich so etwas wie ein „Experte“ *lach* und verstehe auch ein wenig von „empirischer Sozialforschung“. Nicht mein Lieblingsfach – aber in der Alltagsbeobachtung eines News-Junkies durchaus nützlich.

Man beginnt in der Empirie mit der Datenerhebung. Dazu benötigt man, wenn man, wie ich, einen gewissen Hang zur Phänomenologie hat, ein Ereignis. Im Gegensatz zu meinen tausenden Mit-Forschern bin ich eben nicht der Meinung alles und jenes deduktiv von einer vorhandenen Theorie ableiten zu müssen. Gottseidank! Denn so hätte sich Neues sicher nie entwickelt. Oder kennen Sie eine Theorie für Google? Eben.

Nein, dazu bediene ich mich einfach eines ganz alten menschlichen Instruments: Der Neugier und der Beobachtung. „Forscher müssen genau dann forschen, wenn die Dinge passieren„, sagte einst mein hochgeschätzer Professor der Medientheorie, Gerhard Maletzke. Ironie seinerseits, dass sie gerade einen grandiosen Praktiker als Theorie-Professor an der Uni installiert hatten. Aber das nur am Rande – der Mann war ein Genie.

Er hat gemacht! Und ich tat das auch. Ich registrierte ein Ereignis wie ein Seismologe eine Erd-Erschütterung misst. Ein Tweet. Eine Meldung. In Echtzeit. Mit Nachrichtenwert so hoch, dass sie jede Publikationsschwelle mühelos überwinden würde. Menschen würden Aktien verkaufen, Milliarden bewegt. Es würden Nachrufe geschrieben, eine Epoche würde für beendet erklärt werden.

Was war geschehen? Steve Jobs, IT-Ikone und CEO des erfolgreichsten Computer-Unternehmens auf diesem Planeten hatte seinen Rücktritt vom Posten des Vorstandsvorsitzenden und den Wechsel in den Aufsichtsrat erklärt. An sich kein ungewöhnlicher Vorgang in der Wirtschaft. Wer aber weiß, dass Jobs bei Apple immer an allen Produkten bis ins letzte Detail akribisch mitgearbeitet hat, dass er eine transplantierte Leber hat – und angekündigt „bis zum Ende“ weiterzumachen, dem musste die Tragweite dieses Beschlusses auch sofort bewusst sein.

Schließlich hatte Jobs die Firma Apple aus kleinen Anfängen und zwischenzeitlich großen Schwierigkeiten zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt gemacht, dessen Marktwert erst kürzlich den des Ölriesen Exxon überstiegen hatte und irgendwo bei 340 Milliarden US-Dollar lag.

Um 0.39 Uhr verbreitete Reuters die Meldung. CNN online folgte fünf Minuten später. Das Wall Street Journal hatte die Story nach 10 Minuten. Das ZDF meldete im „Nachtjournal“ nach 14 Minuten die „Eilmeldung“. @weltonline auf ihrer Website nach 18 Minuten. Fox-News in 20 Min. Die ARD-Online und Focus online nach 25 Minuten. Die Süddeutsche brauchte etwa eine halbe Stunde. CNN-International (Fernsehen) ca. 45 Minuten samt Interviewpartner via Skype.

Mittlerweile verlor die Apple-Aktie nach dem Jobs-Rücktritt 7% – das sind 24 Milliarden US-Dollar an Börsenwert.

Nach 41 Minuten kam die BBC und nach 45 Min. Aljazeera. Nach 47 Min. Bloomberg, heise.de 1 Stunde. AlArabiya 1:10h. Helsingin Sanomat 1:10h. Yle.fi 1:20h.

Nach 1:30 Stunden bei: Spiegel.de, n-tv.de, n24.de: nichts. Konserven im Programm, gähnende Leere auf Twitter, Webseiten nicht upgedated. Das sollte sich die ganze Nacht nicht ändern.

Hoppla.

Die Redaktion von n-tv.de umfasst 25 Personen. Der Sender gehört zur RTL-Gruppe, die wiederum Bertelsmann gehört, dem größten Medienunternehmen der Welt. n-tv wirbt mit dem Slogan „der Nachrichtensender“. (http://de.wikipedia.org/wiki/N-tv)

Spiegel Online machte 2006 bei einem Umsatz von 15 Millionen Euro zwei Millionen Euro Gewinn. Eine achtzigköpfige Stammredaktion arbeitet in Hamburg unterstützt von freien Autoren, sowie von Büros in Deutschland (insbesondere Berlin) und im Ausland. Gelegentlich schreiben auch Redakteure des gedruckten Spiegel. (http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegel_Online)

N24 war der Nachrichtensender der ProSieben/Sat1-Gruppe. Die ProSiebenSat.1 Media AG investierte rund zehn Millionen Euro in den Sender in 2008. (http://de.wikipedia.org/wiki/N24) Der Umsatz 2009 betrug 93,8 Millionen Euro. (http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=38598&p3=)

Und jetzt wird die Sache haarig. Ich weiß, es ist Urlaubszeit. Es ist Nacht. Aber trotzdem! Ich finde es unfassbar, dass riesige Redaktionen es nicht schaffen, eine Meldung von Weltrang zeitnah über ihre Twitter-Accounts oder Webseiten zu veröffentlichen. Wozu bezahlen die Chefs der Sender teure Mitarbeiter? Was, wenn etwas wirklich(!) Wichtiges in der Welt passiert wäre?

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mehrfach Fehlleistungen in den deutschen Medien festgestellt – zu aller erst bei den sog. „öffentlich-rechtlichen“ Fernsehanstalten im Bezug auf ihre Korrespondenten in Nordafrika, die immer genau dort zu finden waren, wo nichts passiert, während die anglo-amerikanische Konkurrenz per Skype und Livestream mitten drin war, in der jeweiligen Revolution.

Das ist doppelt ärgerlich, weil wir alle diese Anstalten mit Zwangsgebühren finanzieren (müssen) und diese ihren „Überqualitätsanspruch“ sogar höchstrichterlich mehrfach  haben feststellen lassen.

Doch von echter Qualitätsberichterstattung a la Aljazeera waren ARD und ZDF in Tunesien, Ägypten und Libyen meilenweit entfernt. Im Gegenteil: Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender haben in der Berichterstattung um den „Arabischen Frühling“ regelmäßg versagt. Dasselbe war bei Privaten und Öffentlich-Rechtlichen zu beobachten, um das Atom-Unglück in Fukushima, wo wochenlang wider besseres Wissen falsche, politisch opportune Fakten berichtet wurden.

Wenn der höchstrichterlich festgestellte Anspruch nicht mehr existiert, muss auch die Finanzierungsgrundlage entfallen.

Und nun dies. Peinlich für Spiegel, n-tv und n24. Eine Petitesse, sicherlich. Doch sie zeigt, welche Nachrichtenorganisationen in der neuen Echtzeit-Nachrichtenwelt angekommen sind – und welche eben nicht.

Seien Sie kritisch. Seien Sie sich bewusst, dass Sie in Deutschland vieles nicht oder nur verspätet erfahren. Nutzen Sie das Internet und vergleichen Sie. Nur so können wir Bürger zu wirklich aufgeklärten Bürgern werden.

Aber ich habe schon wieder Entzugserscheinungen – darum verabschiede ich mich wieder schnell zu Twitter und Co.

6 Stunden später: UPDATE: Spiegel Wirtschaft twittert um 6.48 Uhr. Website erst jetzt aktuell. Dasselbe bei n-tv. Autsch. 6.56 auch n24.de jetzt da.

Mit besten Nachrichten-Grüßen
Ihr Markus Lochmann

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Markus 409 posts

4 Responses to “Wenn der Apple-Chef zurücktritt – oder wie eine Meldung (nicht) um die Welt geht.”
  1. schön zusammengefasst die Ereignisse der vergangenen Nacht. Doch jetzt mal eine ernste Frage:
    Ist der Rücktritt von Jobs wirklich erwähnenswert wenn man sich die Zielgruppe von ntv und n24 vor Augen hält? Die wissen doch nur dass Apple cool ist, nicht wer das Unternehmen leitet.

  2. „Mittwoch Abend“? Noch nie was von Rechtschreibung gehört?

    😉

  3. hmmm steve jobs ist zurückgetreten? ich dachte der wäre tot – dieser blog scheint es ziemlich zu sein da ich diesen unter neueste artikel angeklickt hatte 🙂

  4. Hast ja Recht. Ich hab hier eeeeewig nix mehr geschrieben. Mir brennt auch so manches auf den Fingern. Aber im Augenblick habe ich wenig Zeit, mich hier reinzudenken. Immerhin liest hier jemand mein Gesabber. Auch schön. 🙂 Gruß Markus

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