Street Parade 2008Ich war am Wochenende mit meiner Tochter, 11 und meiner kleinen Schwester, 14 auf der zweitgrößten Straßenparty der Welt – der Street Parade in Zürich. Als Anreisemöglichkeit wählte ich, bewusst der Parkplatzproblematik in der Stadt, wenn über 800.000 Tanzwütige die Straßen stürmen, die Bahn. Also, schnell am Donnerstagabend das Online-Ticket gebucht, dachte ich, schließlich bin ich seit langem als Online-Kunde bei der Bahn AG registriert, habe Personalausweiskopien und Bankbestätigungen hin und hergefaxt. Also, ich reserviere das Ticket – erfreuliche 90,80 Euro hin und zurück. Doch ich kann nicht bezahlen. Die Option „Lastschrift“ erscheint nicht im Menü. Nanu? Habe ich mich vertippt?

Also breche ich den Vorgang ab und logge mich noch mal ein. Aha, jetzt verweigert die Website mein Passwort. Hmmm. Vielleicht hatte ich doch den anderen Nutzernamen genommen? Ich probiere es und siehe da, ich bin drin. Ich buche wieder. Und kann wieder nicht bezahlen. Die Website sagt ich müsste mich zum Lastschriftverfahren anmelden. Gesagt, getan. Doch ich kann mich gar nicht zum Lastschriftverfahren anmelden, weil, und nun halten Sie sich fest, ich schon zum Lastschriftverfahren angemeldet bin! Aha. Aber bezahlen kann ich damit trotzdem nicht mehr. Toll. Also rufe ich die Hotline an. Die freundliche Dame meint, ich hätte mich gerade selbst aus dem System ausgesperrt, weil ich mir eine neue Kundennummer gegeben hätte. Ähhh? Wie? Seit wann kann ich mir eine eigene Kundennummer geben? Ich solle eine halbe Stunde warten und mit neuem Passwort einloggen. Gesagt, getan. Mittlerweile war es ein Uhr nachts und der Zug fuhr um 8.04 Uhr.

Nach einer halben Stunde loggte ich mich erneut ein, buchte die Fahrt – und konnte wieder nicht bezahlen. Also, noch mal zur Hotline gegriffen. Aha, war wohl ihr Fehler. Ich solle mich wieder einloggen. Und siehe da – es ging! Warum ich nun mit dem GLEICHEN Login-Namen ZWEI Accounts bei der Bahn AG habe, konnte mir niemand verraten.

Street Parade 2008Wir kamen pünktlich zum Zug. Aber der Zug nicht zu uns. Geschlagene 70 Minuten! Verspätung hatte der ICE nach Zürich. Aufgrund eines „Personenschadens“. Mag ja sein. Ist auch nicht schlimm. Was aber schlimm ist, dass auf dem Bahnhof NIEMAND wusste, wie es weiter geht. Die Passagiere wurden ohne jede Information einfach stehen gelassen! Auf meine Anfrage nach dem Abfahrtsgleis gab es ebenso wenig eine Antwort wie auf die Abfahrtszeit. Nun, endlich fuhr der Zug. Aber nicht bis nach Zürich! Nein, der Zug kehrte in Schaffhausen einfach um und lies uns ratlos auf dem Bahnsteig stehen! Ich weckte noch zwei japanische Touristinnen, die sang- und klanglos nach Stuttgart zurückgefahren wären. Also standen wir nun auf dem Bahnhof in Schaffhausen. Wieder ohne JEDE Information, wie es weiter geht. Schließlich setzten wir uns in den nächsten Inter-Regio nach Zürich. Es fragte auch keiner weiter nach. Aber eine ICE-Fahrt war das nicht gerade.

Der Zug kam gerade noch rechtzeitig bei der grandiosen Parade an. Zürich lachte, wir tanzten und alle waren froh.

Bis es zur Heimreise ging. Der ERSTE! Zug von Zürich nach Stuttgart fuhr um 7.14 Uhr morgens. Nun gut, dachte ich, die Nacht kann man sich sicherlich in der Stadt um die Ohren hauen. Das ging auch bis um drei Uhr. Da wurde es uns doch kalt und wir wollten am Bahnhof die restliche Zeit auf unseren Zug warten.

Am Bahnhof in Zürich gab es KEINERLEI Sitzmöglichkeiten für die Reisenden – die Bahnhofshalle war zur Partyhalle umfunktioniert worden. Also setzten sich HUNDERTE Leute einfach auf dem Boden. Was sollten sie auch anderes tun? Viele schliefen dabei ein. Alles war ruhig und friedlich. Doch irgendwie schienen die schlafenden Reisenden der wohl zur Street Parade extra beauftragten Firma SECURITAS nicht zu gefallen. Was zunächst als kleinere Sticheleien und willkürlichen Platzverweisen gegenüber unschuldigen Ravern begann, egal ob sie nun rauchten oder eine Cola tranken, endete letztendlich in einer massenhaften „Aufweck-Rausschmiss-Aktion“ der völlig überforderten „Sicherheits“-leute, die sich mittlerweile in einer Meute von zehn Mann zusammengerottet, benahmen wie die Schlägertrupps eines Milosevich. Völlig wahllos wurden Leute angepöbelt, getreten, hochgerissen und aus dem Bahnhof geworfen.

Als ich das sah, zuckte ich die Kamera und fotografierte die „Gesellen“. Daraufhin scharte sich die komplette Meute um mich, als wäre ich ein Schwerverbrecher. Ich rettete mich mit der Behauptung, ich wäre Journalist, musste aber alle Bilder löschen und wurde mitsamt zwei Minderjährigen Kindern nachts um halb fünf des Bahnhofes verwiesen. Was hatten wir, und die hunderte anderer Leute, darunter auch ältere, getan? Friedlich auf unseren Zug gewartet.

Ich möchte noch mal betonen, dass die handelnden PRIVATE Sicherheitsleute eines PRIVATEN Unternehmens waren – sie waren weder offizielle Polizei noch Bahnpersonal. Seitens derer kann ich nur gutes Berichten. Also warteten wir die restlichen zwei Stunden im kalten Freien, bis endlich unser Zug fuhr.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Erstens: NIE WIEDER MIT DER BAHN! Ich werde immer mit dem Auto anreisen. Das nächste Mal werde ich vor der Parade auf einen Campingplatz fahren, auf dem ich danach schlafen kann. Und dann in aller Ruhe mit dem Auto wieder zurück fahren. Zweitens: Macht korrumpiert. Die Bahn, egal ob Schweizer oder Deutsche, muss sich SEHR genau überlegen, welche Firmen und welches Personal sie anstellt, um Großveranstaltungen zu Überwachen. Die Firma SECURITAS hat in Zürich zu 100% versagt und hat dort gewaltbereites, aggressives Personal im Einsatz gehabt, welches minderjährige KINDER schikaniert. Das ist nicht nur feige, es ist auch in höchstem Maße unprofessionell. Ich werde mich der der Schweizer Bahn, der Deutschen Bahn und der Firma SECURITAS beschweren und hier weiter über deren Reaktionen berichten.

Nachtrag: Was ich noch vergessen hatte: Auch auf der Heimfahrt lief natürlich nicht alles, wie es sollte. Der Zug fuhr mit Schweizer Personal nach Stuttgart. Nun hatte aber der Schweizer Schaffner kein Lesegerät für die online-Tickets!!! Da ich mit EC-Karte bezahlt hatte, war auf dem Ausdruck auch keine Kreditkartennummer zu finden, sondern nur die Deutsche Bankleitzahl. Die aber wiederum ist auf meiner Karte nicht vermerkt. Also konnte der sichtlich überforderte Schweizer Schaffner die Gültigkeit des Online-Tickets angeblich nicht prüfen und drohte mit dessen Verweigerung. Liebe Bahn: Warum verkauft ihr ein Produkt, was nicht marktreif ist, auf Strecken, auf denen das Personal sichtlich überfordert ist?Nach lauten Protesten konnten wir dann doch fahren. Aber zum letzten Mal für eine lange Zeit.

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