Sprüche eines Philosophen
Beginnende Bildung fängt häufig mit dem Tadel an, da es am einfachsten ist, etws, z.B. eine Wahrheit, zu bewerten, irgendeine meist abfällige Meiung darüber zu fällen; eine gehaltvolle Äußerung zu verstehen ist schon schwieriger, doch am anstrengensten ist es, etwas bestandhabendes Aussagekräftiges zu schaffen, denn dafür bedarf es sowohl einer korrekten Aufnahme, als auch eines Urteils . Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen, schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beides vereinigt: seine Darstellung hervorzubringen.
Um Schuhe herzustellen, reicht es nicht aus, daß jeder Füße als Maßstab und Hände als Werkzeug besitzt. Dies wird zugegeben, aber es wird oft nicht zugegeben, daß man auch sein Denken erst ausgebildet haben muß, um die Philosophie verstehen zu können.
Bevor man also qualifiziert über Philosophie mitstreiten kann, hat man zunächst die Pflicht, das Geschwätz zurückzuhalten. Dies, kann man überhaupt sagen, ist eine wesentliche Bedingung für jede Bildung.
Man muß damit anfangen, Gedanken anderer auffassen zu können; es ist das Verzichtleisten auf eigene Vorstellungen, und dies ist überhaupt die Bedingung zum Lernen, Studieren. Man pflegt gewöhnlich zu sagen, daß der Verstand ausgebildet werde durch Fragen, Einwendungen und Antworten usf.; es wird aber hierdurch in der Tat nicht der Verstand gebildet, sondern äußerlich gemacht. Die Innerlichkeit des Menschen wird in der Bildung erweitert, erworben; dadurch, daß er an sich hält.
Durch das Schweigen wird er nicht ärmer an Gedanken, an Lebhaftigkeit des Geistes. Er erlernt vielmehr dadurch die Fähigkeit, aufzufassen, und erwirbt die Einsicht, daß seine Einfälle, Einwendungen nichts taugen; dadurch daß die Einsicht wächst, daß solche Einfälle nichts taugen, gewöhnt er sich ab, sie zu haben. Und damit wird sein Kopf frei die Worte der Philosophie in ihren bestimmten Bedeutungen aufzufassen; die Wahrheit, das Absolute, das Erkennen usf. sind nämlich Worte, welche eine Bedeutung voraussetzen, um die zu erlangen es erst im Studium der Philosophie zu tun ist.
Unwissende, die um ihr Nicht-Wissen nicht wissen, bilden sich meist ein, die Wahrheit schon erkannt zu haben, (sogar auch die, daß es gar keine Wahrheit gibt) Aber Unwissende, die um ihr Nicht-Wissen wissen, (also) für Menschen, die lernen wollen, ist es keine Schande etwas nicht von selbst gewußt zu haben, sie brauchen nicht ihr Unwissen durch blinde, willkürliche Aburteilungen zu verstecken sondern sie haben noch den Mut, Wahrheit zu verlangen.
Der freie Mensch ist weder eitel und auch nicht neidisch, sondern anerkennt das gern, was groß und erhaben ist, und freut sich, daß es ist.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)




