Stellen Sie sich vor, sie haben eine Meinung. Stellen Sie sich weiter vor, sie wollen diese auch kund tun. Dann stellen sie sich ein freies Land vor, in dem ein Verfassungsartikel ihr Recht schützt, Ihre Meinung zu äußern und zu verbreiten. Dann stellen Sie sich noch ein technisches Medium vor, welches Ihnen ermöglicht, alles zu publizieren, was sie wollen.

So weit, so gut. Alles klar, denken Sie, und veröffentlichen ihren Text. Gedacht als Diskussionsanregung. Oder zum Schmunzeln. Zum Aufregen. Zum wütend sein. Zum Heulen. Oder einfach nur so. Kein Problem, sollte man meinen. Soll den Text doch lesen, wer will, und sich seine eigene Meinung bilden.

Doch halt! Haben Sie einen Arbeitgeber? Einen Geschäftspartner? Sind Sie Mitglied in einem Verein? Gar in einer Partei? Haben sie gar eine seltene, neue, eine nicht-mehrheitsfähige, streitbare oder gar radikale Position? Dann stopp! Sie können, leider, leider, Ihren Text doch nicht veröffentlichen. Oder aber wenn Sie das tun, werden Sie mit Berufsverbot bedroht, mit Ausschluß aus Ihrem Verein, oder noch schlimmer: Sie sind gleich subversiv und (rechts-)radikal.

Wir empfehlen Ihnen daher dringend, Ihren Text der Allgemeinen-Meinungs-Prüfungs-Behörde vorzulegen*, in ihrer Parteizentrale absegnen zu lassen, eine Lebensversicherung abzuschließen und unbedingt Ihrem Vorgesetzten vorzutragen. Damit sie ja nichts “unanständiges” veröffentlichen. Schließlich ist ihre Gesinnung keine Privatsache!

Ja, so ist das in Absurdistan. Warum? Weil wir für Meinung eigene Experten haben. Die werden dafür bezahlt, dass sie Meinung machen. Das ist allein deren Job. Die sind auch gesinnungsgeprüft. Und natürlich dürfen Sie als “kleiner Mann” nicht den Profis des Meinungs-Gewerbes die Show stehlen.

Die Helden der Meinungsindustrie sitzen übrigens auf beiden Seiten des Meinungs-Mach-Marktes. Das ist ein Geben und Nehmen. Industriell eben. Moralisch unantastbar, per Dekret. Beide Seiten werden außerdem von Ihrem Geld bezahlt. Die einen von den Steuern und die anderen von der Werbung.

Aber das ist ja gut so, in Absurdistan. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder frei und offen von der Seele weg seine Meinung veröffentlichen könnte? Wären dann nicht all die teuer bezahlten Meinungs-Mach-Star-Profis überflüssig? Ja, sehen Sie: Es ist einfach besser so. Jeder muss bei seiner Berufung bleiben. Vergessen Sie das mit dem Veröffentlichen. Das war nur mal so eine Idee, die man ins Gesetz schreiben musste. Damit’s nach außen besser aussieht. Und wir in den ganzen internationalen Vereinigungen mitmachen können. So richtig ernst gemeint war das aber in Absurdistan eh’ nie.

Ja, ja. Das mit der Verfassung. Die gilt in Absurdistan immer nur dann, wenn es einem Interesse dient. Wenn ein System sich nach außen bejubelt. Dann, ja dann schwören sie alle tausend Schwüre auf die heilige Verfassung. Und verleihen sich gegenseitig Preise. Aber im alltäglichen Leben? Bei Ihnen? Dem Kleinen Mann? Machen Sie Witze? Sie wollen doch weiterhin friedlich in ihrer Wohnung leben? Eben.

Ein gut gemeinter, freundlicher Tipp: Vergessen Sie das mit Ihrer Meinung. Tun Sie, was Ihnen gesagt wird. Seien Sie guter Untertan und denken Sie nicht mal daran, Bürger zu werden. Das ist nämlich unerwünscht, hier in Absurdistan.

Vertrauen Sie uns, Ihrer Meinungs-Mach-Industrie: Nur wir wissen, was gut für Sie ist. Schließlich sind wir Profis ;-)

*Höhere Öffentliche Richtigstellungs- und Informationsbegutachtungs- Gesellschaft, kurz H.Ö.R.I.G.

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