Kastanienbaum im Herbst

riechst du ihn?
den geruch der modernden kastanienlaubes.
komm. rück ein wenig näher. ganz nah, so.
sieh, der baum stirbt, könnte man meinen.
dabei wirft er nur seinen glänzenden mantel ab. seinen anzug.
seine schminke. sein tupee.
nicht das gelb des herbstes hat
seine wangen geschmückt,
nicht das rot der nahenden kälte.
der blätter saft, ihr reifes grün,
das leben schlechthin, waren seine fassade.
hinter ihr verbarg er sein knorriges schwaches gerüst.
als atmete er ein, zieht er nun
seinen saft in die geschützten wurzeln zurück.
dabei fällt die fassade in tosendem sturm,
krachen die äste, bloss liegt
der schwarze unförmige rumpf.
im schutze der kälte dann,
verborgen im radikus, umwogen von
seinem reifendem saft, schlummert der
riese von der welt unbemerkt.
wie stachelig doch seine früchte sind.
und wieviel nahrung sie enthalten.
auch im nächsten jahr werden derer früchte wohl viele sein.
siehst du, so ist das leben.
manch kahler baum sammelt sich
an seinen wurzeln.
und siehst du auch, manch
fallende fassaden dienen dem rückzug
in mutter erdes schützenden schoss.
zur besinnung. zu sich.
und riechst du ihn, wanderer,
den modrigen geruch? Es ist auch
der menschheit geruch,
der geruch allen lebens.

Dieser Text stammt von © Markus Lochmann 1995-2004
-> http://www.mcl-media.de

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