Das Geräusch des Weckers war unangenehm. Schlaftrunken stolperte Herr L. hinüber zu seinem Nachttisch und stellte den Wecker ab. Herr L., der in seinem Leben versagende, hatte einen schlechten Schlaf gehabt, die Alpträume waren wieder einmal da. Aber daran war Herr L. selbst schuld, das konnte er nicht leugnen.

Langsam, ohne Kraft, zog Herr L. den Rolladen seines Schlafzimmerfensters hoch. Es war dunkel. Kein Wunder, es war November und erst sieben Uhr, der Tag noch im Kommen. Herr L. fühlte sich nicht wohl. Hatte er am Abend zuvor schon wieder so viel getrunken? Eine gewisse Spannung in seinem Kopf ließ dies befürchten. Nicht, daß es Herrn L. viel ausgemacht hätte, denn sein Leben hatte ohnehin keinen Sinn mehr.

Herr L. warf einen kurzen Blick auf seine Gemahlin, gute Frau, treue Frau, unersetzbare Frau. Herr L. verstand die Frauen nicht, hatte er doch versagt, und trotzdem lag seine so friedlich im Bett. Was sie wohl Träumen mochte? Herr L. glaubte nicht, daß seine Gemahlin verstanden hatte, wie schwerwiegend sein Versagen gewesen war. Sonst wäre das Bett leer gewesen, so wie er es eigentlich verdient hätte.

Herr L. begab sich in die Küche, wo er sich schnellstens eine Zigarette anzündete. Natürlich wußte er, daß das Rauchen ihn noch eines Tages umbringen würde. Doch angesichts der Umstände war diese Erkenntnis geradezu willkommen. Beinahe fröhlich zog Herr L. an dem rauchenden Stengel, dessen Gift in ihn strömte. Herrn L. wurde es übel.

Das war in letzter Zeit jeden Morgen der Fall, immer nachdem er geraucht hatte. Nahte das Ende, endlich? Herr L. mußte sich setzen. Einen Moment lang saß Herr L. am Küchentisch, der nicht seiner war. Nichts war seins, nicht der Stuhl, nicht die Teller, nicht einmal die Tasse, aus der er bald seinen schwarzen Kaffee trinken würde. Nichts. Sogar das Wasser, das er in einen alten Topf füllte, – der Gedanke an einen starken Kaffee gab ihm etwas Kraft – wurde von anderen bezahlt.

Herr L. setzte den Topf auf den Herd, machte Feuer, und begab sich ins Bad, um sich zu waschen. Er wusch, wie jeden Morgen, sein Gesicht und sah in den Spiegel. Diesen Augenblick eines jeden Tages haßte Herr L. besonders.

Er sah sich an. Ja, er war alt geworden, grau, das Gesicht eingefallen, müde. Er konnte sich nicht in die Augen sehen, das Versagen starrte ihn geradezu mit höhnischer Stärke an. Herr L. zwang seinen Blick vom Spiegel weg und machte sich an seine Mundhygiene. Ihm würde es wieder übel werden, wie jeden Morgen. Mußte er auch so verbissen sich die Zähne putzen? Es half nie etwas, obwohl Herr L. versuchte, den bitteren Geschmack aus seinem Munde zu verbannen, mit ungeheuerlicher Gründlichkeit. Die Minze brannte auf seiner Zunge, gab ihm Luft, doch die Frische war nur von kurzer Dauer, da fühlte er bereits den vergammelten Geschmack auf seiner Zunge. Es war der Geschmack des Versagens, seines Lebens, und er konnte tun, was er wollte, diesen Geschmack würde er Zeit seines Lebens nicht aus dem Munde bekommen, das sah er ein.

Dieser Morgen war besonders schlimm, die Gespenster der vergangenen Nacht ließen von Herrn L. nicht ab. Verzweifelt warf er einen kurzen Blick in den verdammten Spiegel, sah sich an, fluchte und steckte den ganzen Kopf unter das eiskalte Wasser. So stand er da, komischer Anblick, einige Minuten lang, ließ das kalte Wasser über seinen Kopf rinnen, als ob er die Gespenster so betäuben könnte. Sinnlos, das wußte er, dennoch bot die lähmende Wirkung der Kälte ihm eine gewisse Erleichterung.

Herr L. überlegte, wie es wohl sein möge, wenn er einfach den Abfluß versperrte, seinen Kopf in das sich füllende Waschbecken legte und aufhörte zu atmen. Wieviel Mut hat ein Versager? Herr L. sah ein, daß die vermeintliche Einfachheit dieser Tat seine Fähigkeiten bei weitem überschritt. Früher vielleicht, ja, früher hätte er den Mut dazu gehabt. Aber jetzt, nein, er war zu feige geworden.

Herr L. schloß den Wasserhahn und nahm ein Handtuch, um sich abzutrocknen. Das Tuch roch frisch, war sauber, das Scheuern auf der Haut brachte sein Blut wieder ins Strömen. Das Kaffeewasser kochte seit langem. Herr L. sah das sprudelnde Naß, die Bläschen, die munter ihren Weg in die Raumluft suchten, dachte einen kurzen Augenblick an Lebensfreude und drehte das Feuer ab. Er suchte sich den Kaffee, die Filtertüten, die Tasse, den Löffel und den Zucker zusammen und brühte das duftende Getränk.

Herr L. trank, verbrannte sich die Zunge, so eilig hatte er es, das Koffein in seinen Körper zu bekommen, es würde seine Venen öffnen, seinem Herzen ein wenig Rhythmus geben, seinem Kopf ein bißchen Klarheit. Und es würde die Gespenster schwächen, das war wichtig. Dann würde er rauchen und husten und wachwerden.

Herr L. tat genau dies, wie an jedem Morgen seit seinem Versagen, und schickte sich, sich zu anzukleiden. Etwas Graues sollte es sein, unauffällig, der Norm vollständig entsprechend. Er hatte gelernt, sich anzupassen.

Herr L. zog, inzwischen mit leicht zitternden Händen, den Anzug an, den seine Frau liebevoll gebügelt hatte. Die Hosen zu kurz, ein Fleck – den seine Frau vergeblich versucht hatte zu entfernen – auf dem Hemd, die Krawatte verschlissen und alt. Aber der Norm entsprechend, das zählte, man wollte ja nicht wieder auffallen.

Herr L. nahm die Schuhe, sie taten ihm weh, die er von einem Freund bekommen hatte, der, wie er, Versager war, und zog sie über seine geschwollenen Füße. Er würde auch heute viel in diesen Schuhen stehen müssen, in den Ämtern, in den Gängen und Zimmern der Höheren. Um vielleicht etwas zu bekommen, vielleicht. Er würde auch heute nur beschämt den Kopf hängen lassen müssen und jasagen, bereuend, anerkennend. Aber das war Herr L. schon gewohnt, er hatte erstaunlich schnell gelernt, bescheiden zu sein.

Herr L. zog sich seinen Mantel über, ging vor den Spiegel, der im Flur hing, nahm seinen Kamm und kämmte sich das Haar. Früher hatte man ihm Schönheit nachgesagt, doch das war Vergangenheit. Herr L. freute sich kurz über die Tatsache, daß heute nur ein paar Härchen am Kamm hingen, üblicherweise waren es ganze Büschel, die sein Kopf verlor.

Da war er wieder, der Augenblick des inneren Zerreißens, als er sein Ebenbild im Schein des verchromten Glases sah. Es war immer wieder schmerzlich, Erinnerungen zu haben, an früher.

Herr L. warf einen kurzen Blick auf seine Frau, die friedlich schlafend noch lag, bald würde auch sie, der er so viel zu verdanken hatte, sich dem Morgen beugen müssen. Gottes Gabe bist du, dachte Herr L., ich habe dich nicht verdient. Ein letzter Blick aus den gequälten Augen des Herrn L. streiften durch die Wohnung, die sein Zuhause nicht war, und er ging hinaus zur Wohnungstür, ging in die Trostlosigkeit seiner Welt hinein.

Herr L. zog die Tür, der Türknopf aus Stahl, angenehm kühl und rund, leise zu, mit der unerschütterlichen Erkenntnis, daß er ihn nie wieder berühren würde.

Herr L. war dreiundzwanzig.

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