Der Generationenkrieg
01.08.2003 – Diskussionsforenbeitrag: Aus Analyse der Generationenfrage ergeben sich gewissermaßen logisch die Punkte eines Lösungsansatzes: Aufklärung, Zuwanderung, Bildungsmittelaufwendung, Reformwille, neuer Liberalismus. Die Freiheit des 21. Jhd. muss Freiheit im Handeln sein. Nur so können wir die Menschen sich dort entfalten lassen, wo sie am besten ihr Menschsein verwirklichen können: In Freiheit und Verantwortung für sich selbst und ihre Nächsten.
——————————————————————————–
“Was Daniel Bahr noch im Frühjahr in einer Talkshow so energisch zu vermeiden suchte, scheint mir näher denn je zu liegen.
Gehen wir doch einmal hart an die Fakten:
Die Kriegs-, Nachkriegs-, und 68er-Generationen haben nach Größenwahn, Kleinmut, Anbiederei und ergebnisloser Sinnsuche die Gesellschaft so weit an ihre eigenen Bedürfnisse angepasst, das die von uns allen erwirtschafteten Mittel schon jetzt kaum mehr ausreichen, die wahnsinnigen Egoismen dieser Generationen zu stillen. Die Bevölkerung altert, die Zahl der jüngeren Menschen nimmt überproportional ab. Immer weniger Arbeitende und Wertschöpfende bezahlen einen immer größer werdenden Anspruchberg von verkappten Ex-Hippies mit Luxusanspruch. Kinder sind Kostenfaktor statt Sinnstifter, Beziehungen sind sexuelle Befriedigungsveranstaltungen statt Verantwortungsübernahme für andere; bewertet wird immer nur mit Geld und das bitte schön immer nur in Relation zu anderen, vornehmlich den Sternchen, geboren aus der Medienhysterie, namens Bohlen oder Effenberg.
Auch mit erheblicher Aufklärung ist diese Entwicklung nicht zu stoppen.
Ich bin 34 Jahre alt, habe eine sechsjährige Tochter. Ich muss meine Rente privat organisieren, weil der Staat versagt. Nichteinmal eine Grundrente wird er mir dann mit 70 oder 75 oder, wenn Gott will, 80 bieten können. Der Anspruch oder die Hoffnung auf adäquate Gesundheitsversorgung wird Utopie sein. Dennoch zahle ich die gleichen hohen Beiträge für die Massen der og. Generationen, die jetzt genau das in Anspruch nehmen, was sie uns (ihren Kindern und Enkeln!) verwehren.
Auch mit erheblicher Zuwanderung ist diese Entwicklung nicht zu stoppen.
Ich werde die Bildung meiner Tochter bezahlen müssen. Auch hier versagt der Staat, heute schon. Es ist schon jetzt (siehe PISA) ohne zusätzliche, kostenpflichtige Angebote kaum mehr eine gute Allgemeinbildung an staatlichen Schulen zu erreichen. Beim Studium sieht es nicht viel anders aus. Die schlechte Qualität der Lehrer-, und Hochschullehrerausbildung in den letzten 30 Jahren hat zu schlechten Bedingungen an Schulen und Universitäten geführt.
Auch mit erheblicher Bildungsmittelaufwendung ist diese Entwicklung nicht zu stoppen.
Diese Gesellschaft ist übersättigt. Wir haben durch übertriebene Arbeitsteilung und falsche Prioritätensetzung einzelne “Tätigkeitsoasen” geschaffen, die sich in ihrer Selbstgefälligkeit und divinen Autonomie fettgefressen haben und nun gleichsam bewegungslosen Coconstadien bis in alle Ewigkeit auf ihre Metamorphose warten. Als Beispiel für obiges könnte man das Schulwesen, die Verwaltungsbürokratie, einige Monopolunternehmen, aber auch die mandatierten Volksvertretungen oder die Parteienstrukturen nennen.
Auch mit erheblichem Reformwillen ist diese Entwicklung nicht zu stoppen.
Anstelle von Idealismus und Aufopferung sind Egoismus und Raffgier getreten. Anstelle von Liebe und Zuwendung Erwartungshaltung und Bedürfnisbefriedigung. Anstelle von Humanismus der Kapitalismus und anstelle von Freiheit der Zwang zum “Erfolg”. So hat sich eine Gesellschaftsform, die mit durchaus positiver normativer Grundwertigkeit gestartet ist, selbst ad absurdum geführt. Hier nun liegt die Krux für einen Liberalen: Zurück zur Freiheit muss der Ruf lauten, zurück zu den Grundwerten des Menschseins, zurück zur Befreiung! Diesmal stehen wir eben nicht unter dem Joch der Lehnsherren und Fürsten, nein, diesmal sind es überkommene staatliche und gesellschaftliche Strukturen, die das Gitter vor dem Fenster dieser Zelle Daseinszelle bilden.
Auch mit neuem Liberalismus ist diese Entwicklung nicht zu stoppen.
Was bedeutet dies konkret? – Nun, eine Revolution bahnt sich an. Ob die herrschenden Generationen es nun wollen oder nicht: an irgendeinem Punkt wird die Schwelle zur Handlung auch bei der Generation@ überschritten sein. Das Vertrauen in Institutionen hat sie schon längst nicht mehr, die richtige Bildung hat sie nie bekommen. Die vermittelten Werte sind falsch und dessen ist sich diese Generation bewußt. Noch ist sie zersplittert (in ATTAC und Konsorten) und zahlenmäßig gering organisiert. Doch das ändert sich.
Es gibt für Gesellschaften keinen Boden auf den sie fallen könnten. Jede Kultur schafft sich ihre Strukturen selbst. Und, oh, Schönheit des Endlichen, sie zerstört sie auch selbst. Wenn wir als postmoderne Industriegesellschaft den Sprung in eine neu strukturierte Wissensgesellschaft, in der die Wertigkeiten fundamental neu ausgerichtet sind, nicht schaffen, werden wir untergehen. Sang-, und klanglos werden wir in Bedeutungslosigkeit und Vergessenheit versinken! Vom Land der Dichter und Denker ist ja heute schon nicht viel mehr übrig als ein Mythos und Daimler-Chrysler. Niemand hätte zu Zeiten Augustus geglaubt, Rom könnte eines Tages von Vandalenhorden geplündert werden. Niemand.
Ich möchte nach dieser ernüchternden Diagnose eine, wenn auch nicht heilende so zumindest lindernde Therapie für uns alle empfehlen:
Aus der obigen Analyse ergeben sich gewissermaßen logisch die Punkte eines Lösungsansatzes: Aufklärung, Zuwanderung, Bildungsmittelaufwendung, Reformwille, neuer Liberalismus
1) Aufklärung – Den Menschen muß kommuniziert werden, wer sie sind, was sie sind und vor allem, daß die Mittel sind, nicht Zweck. Die Menschen, also jeder einzelne von uns, sind Mittel des Lebens um sich zu erhalten. Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern das Menschsein. Wir müssen das Ganzheitliche lehren und das Spezialistentum als Teil erkennen. Dann verschwindet auch die allumfassende Sinnlosigkeit, die der Materialismus mit sich bringt.
2) Zuwanderung – Wir müssen erkennen, das die völkische Kategorie endgültig ausgedient hat. Wir müssen endlich erkennen, das die Gleichwertigkeit der Menschen Fakt ist, völlig unabhängig von Herkunft oder äußeren Merkmalen. Wenn unsere derzeitige Bevölkerung es nicht schafft, sich zu vermehren, müssen wir aus den Teilen der Erde Menschen zu uns holen, in denen die Krankheit Kinderlosigkeit noch nicht so weit fortgeschritten ist. Nur durch junge Menschen kommen neue Ideen zustande. Nur junge Menschen sind an der Zukunft orientiert. Nur junge Menschen sichern den Bestand dieses Landes.
3) Bildungsmittelaufwendung – Wenn wir in die Zukunft investieren wollen, ergibt sich aus der Kombination von Aufklärung und Zuwanderung zwangsläufig der Bedarf an Bildungsmittelaufwendung. Für mich ist die adäquate Größenordnung das 2,3,4-Fache der heutigen Bildungsaufwendungen. Mehr Geld für Bibliotheken, Schulen, Universitäten. Vorschule ab 3 für alle! Gekürzt wird bei den Pensionen, Renten, Subventionen, Managergehältern, Stiftungserlösen, Spekulationsgewinnen, Politikergehältern, aber auch bei Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeld bei Reichen. Nichts ist unproduktiver als das Nichtstun und die Verdummung in der Arbeitslosigkeit zu bezahlen.
4) Reformwille – Wenn wir wirkliche Veränderungen und die Überlebensfähigkeit dieser Gesellschaft sichern wollen, darf nichts unberührt bleiben. Einzelne Punkte hierfür sind z.B. Abschaffung der Wehrpflicht, Abschaffung des Beamtentums, Privatisierung von staatlichen Institutionen, Abschaffung/Verkleinerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Dreistufige Mehrwertsteuer, Abschaffung der Hauptschulen, Abschaffung von unnützen Gesetzen, usw.
5) neuer Liberalismus – So muss das Konzept zur Verwirklichung des oben skizzierten Gesellschaftsentwurfes heissen. Analog zu “New Labour” oder “Neuer Mitte” muss es eine ideologische Grundsatzdiskussion geben und ein Programm, welches den abstrakten Begriff mit Konkretem füllt. Ich werfe mit völliger Absicht einige Grundprämissen des Liberalismus a la Wersterwelle über Bord (so z.B. den Subjektivismus) und versuche, neue Grundlagen eines “weicheren” und rigoros modernen Liberalismus zu entwerfen. Im Mittelpunkt stehen eben nicht mehr die harten monetären Werte des 20.Jhd, sondern neue Strukturen des Wertekanons, die eine andere Betrachtung des Freiheitsbegriffes ermöglichen.
Konket: Es ist nicht damit getan, den Menschen in Ostdeutschland die formale Freiheit zu geben, umzuziehen, wenn innere Lähmung und Angst es ihnen letztendlich doch nicht ermöglichen, die Handlung zu vollziehen, weil ihnen die innere Freiheit im Denken fehlt.
Die Freiheit des 21. Jhd. muss Freiheit im Handeln sein. Nur so können wir die Menschen sich dort entfalten lassen, wo sie am besten ihr Menschsein verwirklichen können: In Freiheit und Verantwortung für sich selbst und ihre Nächsten.”



