Von wegen „man findet alles im Netz“. Interessiert an Dichtern der Freiheit im Allgemeinen, der Romantik im Besonderen und Russland (aus aktuellem Anlass) im Speziellen – stolperte ich vor einigen Wochen im Zuge der Krim-Krise auf ein Gedicht des jungen Alexander Puschkin aus 1817, die „Ode an die Freiheit“ – in der er die Herrschaft des Rechts gegen die Krone verteidigt. Nirgends war davon eine Übersetzung zu finden – erst die Google Buch-Suche ergab einen Druck aus 1850 – den ich hier wiedergeben möchte. Immerhin wurden die Zeilen anonym verfasst und damals rasend unter Revolutionären verbreitet – was dem jungen Puschkin eine Zwangsversetzung – oh, welch Ironie – u.a. auf die Krim bescherte. Es fehlen vier Zeilen – wenn jemand die ergänzen könnte. Das wäre toll!

Ode an die Freiheit von Alexander Puschkin
(aus Die Grenzboten, 1850, Band 9, Teil 1)

Entfleuch dem Aug‘ dich zu verstecken,
Kraftlose Liebeskönigin!…
Wo, wo bist du, der Könige Schrecken,
Der Freiheit stolze Sängerin?
Reiß mir vom Haupt die Blumenkron‘ –
Die sanfte Laier laß zerspringen,
Ich will der Welt die Freiheit singen,
Das Laster treffen auf dem Thron.




Des laun’gen Glücke Söhne all‘,
Erzittert, Ihr der Welt Tyrannen!
Doch Ihr vernehmt’s, Euch zu ermannen
Ihr Sklaven auf von Eurem Fall!…

Das Auge bebt vor der Bedrängnis
Und Noth des Bolks entsetzt zurück –
Die Tugend schmachtet im Gefängnis,
Das Laster schwelgt in Macht und Glück; –
Hier Vorurtheil und Unverstand,
Dort ganzer Völker Schmach und Schändung
Es reichen Bosheit und Verblendung
Am Throne sich die Bruderhand.

Nur dort liegt eines Volkes Stöhnen
Auf stolzem Königshaupte nicht,
Wo des Gesetzes Macht den schönen
Bund mit der heil’gen Freiheit flicht;
Wo starken Schutz ihr Schild gewährt,
Und wo geführt von sichern Händen,
Rings Schmach und Unheil abzuwenden
Dräut ihr gewaltig Flammenschwert.

Es trifft zu strafen und zu rächen
Die Sünde mit gerechtem Schlag,
Wo schnödes Gold es nicht bestechen
Und Furcht es nicht verderben mag.
Nicht die Natur – Gesetz gab Reich
Und Kron‘, Ihr Herrscher! Euch zum Lehen;
Mögt höher als das Volk Ihr stehen:
Doch das Gesetz steht über Euch!…

O Wehe! Weh‘ den Völkern allen,
Wo rohe Willkür herrscht, und dann
Volk oder König nach Gefallen
Ob dem Gesetze walten kann.
Sei du zum Zeuge mir erlaubt,
Du Opfer glänzender Verbrechen,
Im Sturm für deiner Väter Schwächen
Gefall’nes königliches Haupt!

Zum Tod muß Ludwig sich bereiten
Und die gekrönte Stirn gesenkt
Sieht man ihn zum Schaffote schreiten,
Dem Platz des Gräuls, mit Blut getränkt;
Volk und Gesetze waren taub –
Das blut’ge Mordbeil nur regierte:
Der Purpur, der den König zierte,
Wird seiner wilden Henker Raub.

Selbstmächt’ger Bösewicht und Sünder
Ich hasse Dich und Deine Brut –
Dein Untergang, der Deiner Kinder
Entflammt mein Aug‘ zu froher Glut;
Auf Deiner Stirn gefurchtem Feld
Trägst Du als warnendes Exempel
Des Volksfluchs untilgbaren Stempel –
Du Vorwurf Gottes in der Welt!

Wenn auf der Newa dunkeln Wogen
Des Mondes klares Bild sich wiegt
Und dem Gewühl des Tags entzogen
Rings Alles tief im Schlummer liegt
Dann sorgenvoll der Sänger schaut
Das Denkmal langer Schreckensjahre:
Die öde, weiße Burg der Zare,
Die furchtbar durch den Nebel graut.

Er hört aus jener Mauern Schlunde
Die finstre Stimme Klio’s weh’n –
Er sieht vor sich die letzte Stunde
Kalizula’s lebendig stehn: –
Geschmückt mit Band und Orden bricht,
Berauscht von Wein und argen Tücken,
Der Mordschwarm ein mit stieren Blicken:
Im Herzen Furcht, Trotz im Gesicht.

Es schwieg der feile Wächter dorten,
Als sich die Brücke niederwand,
Im nächt’gen Dunkel sind die Pforten
Geöffnet von Verrätherhand;
Der Janitscharen Rotte bricht
Herein o Schrecken unsrer Tage!
Von ihrem mörderischen Schlage
Fällt der gekrönte Bösewicht.

O nehmt’s, Ihr Herrscher! Euch zur Lehre:
Nicht Strafen, nicht des Kerkers Nacht,
Nicht Orden, Krieger noch Altäre
Sind für Euch eine Schutzeswacht.
Vor des Gesetzes sich’rer Macht
Sollt Ihr die stolzen Häupter beugen –
Und Freiheit, Ruhe wird sich zeigen
Als Volks und Throne treue Wacht! –

Rußland: Das berüchtigte Gedicht Puschkin’s

Bekanntlich wurde Alexander Puschkin der berühmteste russische Dichter vom Kaiser Alexander eines politischen Gedichtes wegen in die Verbannung gesendet und mehrere Jahre darauf vom Kaiser Nicolaus ebenfalls eines politischen Gedichtes wegen begnadigt und an den Hof berufen. Man kann sich denken, daß die Kluft, welche zwischen beide Gedichten lag, wenigstens eben so groß war, wie die, welche zwischen der Berliner Nationalen und der Kreuzzeitung liegt. Die „Ode an die Freiheit“, das erste von Puschkin bekannt gewordene Gedicht, dasselbe, welches des Dichters Verbannung herbeiführt erscheint hier zum Erstenmal im Drucke. In Rußland durfte und darf man nicht wagen, es der Oeffentlichkeit zu übergeben, da der bloße Besitz einer Abschrift davon genügt, den Besitzer in die Bergwerke von Sibirien zu befördern. Wir theilen das Gedicht hier mit, nicht, weil wir ihm einen übertriebenen Werth beilegen (denn wir halten es nicht für besser als irgend ein Herwegh’sches der Art sondern blos als eine literarische Kuriosität, als dem Ausgangspunkt einer bedeutenden Dichterkraft, welche uns öfter zu kulturhistorischen und ästhetischen Betrachtungen Anlaß geben wird. In der Uebersetzung haben wir es vorgezogen, lieber einige Härten und unächte Reime durchgehen zu lassen, als den Sinn des Originals irgendwie zu beeinträchtigen.

Quelle:

http://books.google.de/books?id=x_4aAAAAYAAJ&dq=%22Ode%20an%20die%20Freiheit%22%20Puschkin&hl=de&pg=RA1-PA278#v=onepage&q=%22Ode%20an%20die%20Freiheit%22%20Puschkin&f=false

Foto:

Orest Adamovich Kiprensky [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

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Markus 409 posts

One Response to “Alexander Puschkin: Ode an die Freiheit”
  1. man bemerke auch den Apostrophen im Genitiv (Puschkin’s). Gell, lieber Duden. Geht doch. Seit 1850!

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