Gedankliche Grundlage dieser „Theorie der Verantwortung“  soll ein realistisches, anthropologisches Menschenbild sein. Wir erkennen den Menschen als a) soziales Wesen (zoon politikon des Aristoteles), welches immer im Kontext einer Gemeinschaft in Erscheinung tritt. Es gibt weder den Hobbeschen Kriegszustand der Einzelnen, noch den Einzelkämpfer des Rousseau. Es gibt und gab nie einen „Urzustand“ oder „Endzustand“. Panta rei, (alles fließt), wie Heraklit sagt. Alle Konzepte, die solche Zustände postulieren, sind analytische Hilfskonstrukte zum Versuch einer Begründung von Seinszuständen. Sie sind reine Spekulation.

b) Der Mensch ist per se weder „gut“ noch „böse“. Gut und böse sind kulturell relative Kategorien, die jeweils wünschenswertes oder sanktioniertes Verhalten beschreiben. Ich sehe den Menschen als Opportunisten – als anpassungsfähigstes aller Lebewesen hat er es immer verstanden, sich Vorteile zu verschaffen. Eindimensionale Werturteile über die Gesamtheit sind schwierig – in der Tendenz jedoch halten sich die meisten Menschen an (sinnvolle) Gesetze, also sind wir tendenziell eher gut, zumal wir solche Regeln auch hervorgebracht haben.

Und c) das Menschwerden ist ein andauernder Prozess, der sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Auf individueller Ebene ist Menschwerdung durch verschiedene Lernprozesse des Individuums gekennzeichnet. Ein ganzer Mensch ist nur der gebildete Mensch, dessen Verstand geschult wurde, um die dem modernen Menschsein immanenten Entscheidungen treffen zu können. (Siehe dazu das Kapitel zur Menschwerdung)

Auf makroskopischer Ebene jedoch findet ein Menschwerdungsprozess der anderen Art statt – auch Gesellschaften als Aggregate und letztendlich die Menschheit als Ganzes lernt. Das Rechtssystem, die Vertragslehre, die Menschenrechte – alles abstrakte Konstrukte der globalen Realität, die das kollektive Menschsein durch Erfahrung und Übereinkunft zur Allgemeingültigkeit gebracht hat.

Ich weiß natürlich nicht, wo diese Menschwerdungsprozesse enden werden. Ich postuliere auch kein normatives Ziel – wir begehen also nicht den klassischen naturalistischen Fehlschluss, indem wir vom Sein auf das Sollen schließen. In dieser Theorie gibt es keinen „Endzustand“, keinen Schlusspunkt. Ich hege eine Abneigung gegen das Absolute.

Was wir aber wissen können, ist, dass diese Prozesse a) existieren (weil sie empirisch messbar sind) und b) dass sie eine Systematik beinhalten. Ich nenne diese Entwicklungssystematik die geistige Evolution der Menschheit. Genauso wenig, wie wir die organische Evolution in der Zellen-Welt zielgerichtet sehen können, können wir auch die geistige Evolution nur als Entwicklungsprozess beschreiben. Alleine die Beschreibung der politischen Systementwicklung als (natürlichen) Evolutionsprozess ist eine Neuerung – schließlich können auf einen Prozess auch (naturwissenschaftliche) Methoden zu dessen Steuerung und Validierung angewandt werden.

Halten wir unsere Erkenntnisse bis zu diesem Punkt in einem Satz fest: Geschichte ist der andauernde Prozess der geistig-evolutionären Menschwerdung.

Dass innerhalb dieser Entwicklung immer wieder Schwankungen und Richtungsänderungen auftreten ist klar – Evolution ist schließlich das Prinzip von Selektion und Anpassung. Sich verändernde Realitäten schaffen auch angepasste politische Konzepte. Evolution ist aber auch das Konzept der Bewahrung: Die besten Eigenschaften „vererben“ sich weiter. Das tun sie auch in politischen Konzepten.

Weiterhin ist Evolution der Prozess von Versuch und Irrtum. Auch in dieser Hinsicht folgen die politischen Konzepte dem Prinzip, wie der Kommunismus oder der Absolutismus der vergangenen Jahrhunderte eindrucksvoll belegen. Und last but not least begründet sich Evolution auf Anomalien – das Mutationsprinzip. Die natürliche Vielfalt  beruht also auf Fehlern. Somit liegt der Gedanke nahe, die Natur als lernenden Organismus zu verstehen. ((Sehe hierzu die wunderbare Theorie der Informationsvererbung von Manfred Eigen))

Geistige Evolution beruht ebenfalls auf Anomalien – die Mutation ist hier der Denkfehler. In manchen Fällen findet die geistige Evolution sogar auf dem exakt selben Wege wie die organische statt – durch Kopierfehler. Immer wieder ist es vorgekommen, dass politische Autoren falsch kopiert oder Übersetzt wurden und dadurch neue Variationen des Denkens entstanden, die der Autor nie bedacht hatte. Als Beispiel könnte man Luther, Hegel oder Marx anführen.

Die Legitimation von (politischem) Handeln ist in die Befähigung des Einzelnen, zum  Ziel der Menschwerdung beitragen zu können. Geistige Entwicklung erst befreit den Menschen. Die Gesellschaftliche Aufgabe, oder die Aufgabe des Staates besteht also darin, den Menschen die individuelle Freiheit erst zu ermöglichen. Rousseau hatte unrecht: Der Mensch ist nicht frei geboren und liegt in Ketten – es ist genau umgekehrt. Der ungebildete ist abhängig, der arme liegt in Ketten. Frei ist der gebildete, frei ist der wohlhabende. Beides muss man werden. Dass man es werden kann sicher zu stellen, ist die Aufgabe des Staates.

Als politische Maxime könnte also gelten „Wir geben ihnen die Freiheit, damit sie das werden können, was sie werden können.“

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